Meinung
Die Feldbergstrasse - Ode an einen Unort

Die Feldbergstrasse ist perfekt so, wie sie ist, findet bz-Journalist Benjamin Rosch. Warum sie also verbessern wollen?

Benjamin Rosch
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Die Feldbergstrasse soll bald Tempo-30-Zone werden.

Die Feldbergstrasse soll bald Tempo-30-Zone werden.

Juri Junkov / bz Zeitung für die Region

Wenn der Marktplatz das Herz der Stadt ist, dann ist die Feldbergstrasse die Oberschenkelarterie. Unablässig pumpt diese Aorta femoralis einen zügigen Strom von Bussen, Autos und Velos vom Klein- ans Ufer zum Grossbasel, immer im Takt der zahlreichen Ampeln. Von der Johanniterbrücke her hornen die Ambulanzen und nicht selten donnert ein Lastwagen auf den Erasmusplatz zu. An der Kreuzung zur Klybeckstrasse pulsiert die Feldbergstrasse am stärksten. Unter den Ampeln vermischen sich die Abgase mit Dönergestank. Nirgendwo ist Basel so sehr Stadt wie an genau diesem Ort.

Während sie sich seit Jahren vom Rhein her stetig vorwärts gentrifiziert, ist sie an ihrem anderen Ende noch richtig rau. An der Grenze zur Messe stehen einige Häuser, denen man die günstigen Mieten ansieht. Das ist genau, was diese Strasse so besonders macht; ihre Universalität. Tagsüber bietet sie Cafés und Coiffeursalons, nachts die interessantesten Bars und Beizen der Stadt. Zwischen Johanniterbrücke und Riehenstrasse stranden die Nachtschwärmer in den Lokalen mit vor allem einem Alleinstellungsmerkmal: ihren grosszügigen Öffnungszeiten.

Die Feldbergstrasse vereint zudem Wohnen und Arbeiten auf städtisch Weise. Was für die Erlenmatt und andere Planungsspielwiesen nicht funktioniert, geschieht im Matthäus/Klybeck ohne Zutun städtebaulicher Konzepte.

Und all dies schafft die Feldbergstrasse, ohne ihre Hauptaufgabe zu vernachlässigen: den Verkehr. Wie viel lebendiger ist denn bitte die Feldbergstrasse als ihre überumsorgte Schwester, die Clarastrasse?
Diese Ästhetik des Hässlichen soll aber keinen Bestand haben. Noch diesen Sommer könnte das Bau- und Verkehrsdepartement die Feldbergstrasse zur Tempo-30-Zone kujonieren. Die Begründung liegt in den hohen Emissionswerten: Es existiert kaum eine städtische Schweizer Strasse mit mehr Verkehr. Die Feldbergstrasse ist Stickstoff-verseucht und lärmgeplagt. 2800 Anwohner können davon profitieren, wenn die Autos den Schleichgang einlegen, planen die Stadtbehörden.

In einer positiven Auslegung ändert das erst mal wenig. Zwischen den Ampeln und Bussen lässt sich ohnehin nur selten auf 50 Stundenkilometer beschleunigen. Und wer sich bei Tempo 30 eine befriedete Quartierstrasse vorstellt, dürfte sich täuschen: Optisch wird sich überhaupt nichts ändern. Die Ampeln bleiben, der Busverkehr auch, die Fussgängerstreifen wird es weiterhin brauchen. Die Camion-Fahrer werden den Zeitverlust achselzuckend hinnehmen und kaum auf die Quartiersträsschen ausweichen. Entsprechend werden auch in Zukunft die Eltern ihre Kinder für den Nachhauseweg abholen müssen.

Same old.

In einer rot-grünen Dystopie hingegen wird die Strasse aufgewertet. Und was Wert hat, hat auch einen Preis. Die Mieten werden teurer. Die bessere Luft werden nicht jene 2800 Leute atmen, die jetzt dort wohnen, sondern solche, die sich die Verbesserung leisten können. Selbstverständlich geschieht dies alles nicht von heute auf morgen, aber schon bald wird die Chai-Latte sippende Hipster-Sippe ihren Einfluss über den Erasmus-Kiosk ausdehnen. Es entstehen Brotmanufakturen und ein Spezialitätengeschäft für handgedrechselte Fixie-Schrauben. Kann man das wirklich beschleunigen wollen?

Nicht mehr lange, dann blühen wieder trotzig die Glyzinien zwischen den Bausünden und die Feldbergstrasse sah nie besser aus. Manche Dinge kann man sich kaum besser ausdenken, als sie sind.