Den Fussballfan haben schon alle beschrieben. Politiker, Journalisten, Soziologen und Nicht-Fussballfans. Nur einer fehlte: der Fussballfan selber. Thomas Gander, Co-Leiter der Fanarbeit Basel, fand vor etwas über einem Jahr, dass man auch ihm mal das Wort geben müsse. «Politische Entscheidungen werden getroffen, ohne dass man wirklich weiss: Was ist eigentlich ein Fussballfan?» Im Abstract der Arbeit «Fanbefragung» wird klargemacht, wohin die Vorurteile führen: «Das äussert sich in der Berichterstattung in den Medien nach Ausschreitungen, aber auch in der parlamentarischen Meinungsbildung, die zu entsprechenden spezialgesetzlichen Grundlagen und Massnahmenvorschlägen führte (Stichwort Hooligangesetz, Fanpass).»

Um den Vorurteilen gegenüber Fussballfans auf den Grund zu gehen, lancierte Gander eine grosse Online-Befragung der FCB-Fans. 4234 machten im Frühling vor einem Jahr mit – nun liegen die Ergebnisse vor, die häppchenweise in den nächsten Ausgaben des Magazins «Rotblau» veröffentlicht werden. Gander will damit nicht politisieren, sondern bei «zukünftigen Diskussionen über den Umgang mit Fans vermehrt berücksichtigt werden.»

Bedingungslose Unterstützung

Zu Interpretationen will sich Gander noch nicht hinreissen lassen. Nur so viel: «Dem ersten Teil der Umfrage ist zu entnehmen, dass der Basler Fan seinem Klub äusserst treu ist und das Gemeinschaftsgefühl einen hohen Stellenwert hat.» In der Tat lässt sich kaum ein FCB-Fan durch Misserfolg von einem Matchbesuch abhalten. Nicht nur aus der Muttenzer Kurve können die FCB-Spieler auf bedingungslose Unterstützung zählen.

Nimmt man alle Sektoren zusammen, machen gerade 6 Prozent der Matchbesucher die Treue vom Erfolg der Mannschaft abhängig – schlechte Spiele können 27 Prozent vergraulen. Viel wichtiger scheint hingegen die Muttenzer Kurve zu sein, wiewohl Ältere und Familien sich selber eher in anderen Sektoren niederlassen. Gleich 62,8 Prozent aller Fans würden nicht zu den Spielen gehen, wenn die Muttenzer Kurve nicht wäre. Daniel Staub präsidiert einen Fanklub, der nur auf den Tribünen Dauerkarten besitzt. Und trotzdem sagt er: «Ohne Muttenzer Kurve kein Joggeli.»

Jeder Fan will dazugehören

Was auffällt ist, dass die Basler das Fansein auch als Pflicht ansehen, zur Stimmung beizutragen. Staub stellt klar: «Auch in den Sektoren A und C geht man mit und kommt aus sich heraus. Wir sehen die Spiele nicht als Konsumgut.» Insofern überrascht nicht, dass nur gerade 40 Prozent aller Zuschauer ein gutes Rahmenprogramm als wichtig einstufen. Hier ist man also weit entfernt von amerikanischen Verhältnissen, wo die Zuschauer in etwa so aktiv sind wie hier Kinobesucher. In Basel will jeder Fan dazugehören. Da verwundert es nicht, dass er zwischendurch auch über ordinäres Verhalten der anderen Fans hinwegsieht.

Der Basler Soziologe Ueli Mäder hat diese Erfahrungen als regelmässiger Joggelibesucher gemacht. «Wenn ein ‹Du schwarze Sau verrecke›! zu den teuersten Tribünenplätzen dringt, schmunzeln einzelne Geschäftsleute – andere verziehen die Mundwinkel», sagt er. Thomas Gander glaubt, dass die Fans ehrlich antworteten: «Nur vereinzelt werden sie absichtlich falsche Antworten gegeben haben, um das Resultat zu schönen», ist er sich sicher. Nur: Ehrlichkeit ist nicht gleichbedeutend mit richtiger Selbsteinschätzung.

Immerhin bringen 80 Prozent der Fans aus der Muttenzer Kurve ihr Fansein mit «Toleranz» und «Respekt» in Verbindung. Das sieht Mäder etwas anders: Er glaubt, dass die «Kuhstallwärme der Gemeinschaft auch von der Ausgrenzung anderer lebt.» Der Soziologieprofessor sagt, dass diese Wärme vor allem auf jene wirke, die sich selber schwach fühlten. «Die Teilhabe an sportlichen Erfolgen muss andere Misserfolge wettmachen.» Mäder weist auch darauf hin, dass Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung «zwei Paar Stiefel» sind – und trotzdem findet er bemerkenswert, dass die vornehmlich Jugendlichen der Muttenzer Kurve Themen wie Respekt und Toleranz ins Gespräch brächten. «Das drückt die Bedeutung von Werten aus, auch wenn sie nicht immer eingehalten werden.»

Die Fremdwahrnehmung Mäders und die Selbsteinschätzung der FCB-Fans stimmen zudem in vielen Punkten überein. Unbestritten ist beispielsweise, dass der Rassismus in der Muttenzer Kurve und in Sportstadien allgemein rückläufig ist – eine positive Entwicklung, die vor dem Hintergrund der verschärften Gewaltproblematik in den Medien kaum wahrgenommen wird.