Das Bevölkerungswachstum setzt urbane Gemeinden unter Druck, verdichteter zu bauen. Doch Menschen verschiedener Generationen aus diversen Kulturkreisen und mit unterschiedlichen Lebensentwürfen wohnen bereits auf relativ engem Raum nahe beieinander. Der Bund macht sich darum Gedanken, wie in Zukunft die Wohngebiete ihre räumlichen Qualitäten trotz steigender Nutzungsansprüche und -konflikte erhalten und stärken können.

Soziale Brennpunkte ortet der Bund in den Agglomerationen. Statt dass Problemquartiere von oben herab, durch Verwaltung und Regierung aufgewertet werden, soll die Planung gemeinsam mit den Bewohnern erfolgen. «Projets Urbains» hat der Bund die Aufwertungsprogramme getauft.

Ausländeranteil von 45 Prozent

Elf Schweizer Gemeinden machen bei Projets Urbains mit. Darunter Pratteln, das insbesondere seine Problemquartiere aufwertet und fit für die Zukunft macht (die bz berichtete). Prattelns Erfolge, insbesondere beim einst schweizweit berüchtigten Längi-Quartier sprechen sich herum. Der Ansatz der Aufwertung von unten - also die Ideen der Bewohner abzuholen und mit ihnen gemeinsam umzusetzen - stösst jetzt in Münchenstein auf Interesse. Mit dem Quartier Lange Heid steht Münchenstein vor ähnlichen Herausforderungen wie Pratteln.

Noch befindet sich die Gemeinde in der Analysephase, doch der Handlungsbedarf ist unbestritten. Baulich hat sich das Quartier hinter der Gartenstadt in der Nähe des Dreispitzareals und der Motorfahrzeugkontrolle seit Jahrzehnten kaum verändert. Auf der etwa 15 Hektaren grossen Fläche stehen abgewrackte Wohnblocks, die zwar mit grosszügigen Grünflächen miteinander verbunden sind, die aber kaum zum Verweilen einladen.

Quartier droht Imageverlust

Sozialer Austausch zwischen den 1600 Quartierbewohnern (14% der Münchensteiner) aus 52 Nationen ist schwierig. Der Ausländeranteil beträgt 45 Prozent. Die Bewohner weisen unterdurchschnittliche Einkommen auf. Die verbleibenden Schweizer Familien haben bereits begonnen, Gesuche für eine Umplatzierung ihrer Kinder in auswärtige Schulen zu stellen. Die Gemeinde will der schleichenden sozialen Entmischung entgegenwirken. Dem Quartier droht ein Imageverlust, wie es die Banlieues, die Vororte französischer Grossstädte, erleben. Die Quartierentwicklung soll eine Negativspirale von Segregation, Imageverlust, Einbussen bei Wohnattraktivität, vernachlässigter Bausubstanz und steigender sozialer Unruhe verhindern. Am Ende gehts auch in Münchenstein um Geld - seien dies Steuereinnahmen oder Investitionen.

Ausländer können mitreden

Ein zentraler Punkt der Quartierentwicklung ist der integrative Charakter. Konkret heisst das, dass ein Vorschlag auch von einem Ausländer kommen kann. Er kann sein Wohnquartier mitgestalten. Das Ziel ist, dass sich die Ausländer mit ihrem Quartier identifizieren und am sozialen Leben teilnehmen - sich integrieren und nicht abschotten. Konkrete Massnahmen kann Münchenstein noch keine nennen. Das würde zum jetzigen Zeitpunkt dem Konzept der Partizipation der Bewohner widersprechen. Die Gemeinde will die Bevölkerung zunächst sensibilisieren. Seit Mitte April finden Rundgänge mit Primarschülern statt. Die Drittklässler zeigen Fachleuten der Gemeinde ihre Lieblingsorte oder gefährliche Strassenübergänge. Ziel ist es, dass bis Ende 2015 aus der Langen Heid wieder ein attraktives Wohngebiet wird.

In den anderen Agglo-Gemeinden ist Projet Urbain weitgehend unbekannt. Statt des Konzepts der Aufwertung von unten setzten die anderen Gemeinden wie bisher auf Infoveranstaltungen zu den von der Politik lancierten Projekten.