Vergewaltigungsfall
Opfer lässt über Anwältin ausrichten: «Betroffene Frauen werden sich in Zukunft noch weniger zu einer Anzeige trauen»

Der Vergewaltigungsfall in Basel sorgt schweizweit für Schlagzeilen. Nun äussert sich erstmals die Betroffene zum Urteil von vergangener Woche. Sie fürchtet sich um ihre Zukunft und die anderer Frauen.

Silvana Schreier
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Hier passierte die Tat im Februar 2020: Zwei Männer vergingen sich in der Elsässerstrasse an einer Frau.

Hier passierte die Tat im Februar 2020: Zwei Männer vergingen sich in der Elsässerstrasse an einer Frau.

Nicole Nars-Zimmer

Die Tat ist eineinhalb Jahre her. Vergangene Woche urteilte das Appellationsgericht in zweiter Instanz über einen der beiden Täter, die eine 33-Jährige Frau nachts in ihrem Hauseingang vergewaltigten. Das Gericht befand das Verschulden für weniger gering, wenn auch der Schuldspruch erneut fiel. Die Strafe wurde jedoch um ein Jahr verringert, da das Verhalten des Opfers miteinbezogen und bewertet wurde.

Schweizweit berichteten Medien über den Fall. Dass die Betroffene «mit dem Feuer gespielt» habe, wie dies die Gerichtspräsidentin in der Urteilsbegründung sagte, schockierte über Basel hinaus. Laut Urteil hat das Opfer gewisse Signale ausgesendet durch ihr Verhalten vor der Tat. So soll sie im Laufe des Abends auf der Toilette eines Clubs ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem weiteren Mann gehabt haben.

Ausmass erst später realisiert

Nun meldet sich erstmals die Betroffene zu Wort. Sie wolle nicht direkt mit den Medien sprechen, richtet ihre Anwältin Miriam Riegger aus. Ihre Klientin habe kurz nach der Urteilsbegründung am vergangenen Freitag das Ausmass der Äusserungen des Gerichts noch nicht richtig realisiert gehabt. «Sie ist und war froh, dass der Täter auch von der zweiten Instanz verurteilt worden war», so Riegger.

Nun aber habe sie viel darüber nachdenken müssen. Riegger:

«Meine Klientin ist zutiefst schockiert und kann es nicht fassen. Es ist für sie völlig unverständlich, wie ein Gericht, eine Richterin, also sogar eine Frau, so etwas sagen kann.»

Die Betroffene mache sich Sorgen für die Zukunft und «hat Angst, dass wenn man als Frau nur mal einen kürzeren Rock oder der einen etwas weiteren Ausschnitt trägt, man immer das Gefühl haben muss, man könnte etwas provoziert haben. Egal, was man macht und wie man sich verhält». Das sei eine falsche Signalwirkung, so Riegger.

«Nach Ansicht meiner Klientin werden darum viele betroffene Frauen sich in Zukunft noch weniger zu einer Anzeige trauen oder sich mehr als zweimal überlegen, ob sie eine Anzeige erstatten oder nicht, weil sie dann immer damit rechnen müssen, ihnen werde eine Mitschuld angelastet.»

Es sei ohnehin schon ein sehr schwerer Gang und brauche Überwindung, ein solch traumatisches Erlebnis zur Anzeige zu bringen. Dies würde nun noch zusätzlich erschwert.

Sie versuchte, die Tat zu verdrängen

Ebenfalls schockiert habe sich die Klientin darüber geäussert, dass das Gericht meinte, es sei unklar, ob sie psychisch unter der Tat gelitten habe, da sie sich bislang keiner Therapie unterzogen hatte. Riegger sagt stellvertretend: «Meine Klientin hat versucht, die schreckliche Tat so gut es geht zu vergessen und zu verdrängen. Sie wollte nicht über die Tat reden.»

Hinzu sei gekommen, dass die Betroffene als zweifache Mutter weiterhin im Alltag funktionieren wollte und musste. «Sie konnte es sich nicht erlauben, tagelang zu weinen und sich gehenzu lassen», so Riegger weiter. Fest steht für die Opferanwältin, dass die Klientin «noch heute stark unter den Folgen dieser schlimmen Tat» leide.

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