Während Pianist Herr Thöni in die Tasten greift, kursieren bei den Bewohnern des Altersheims zum Wasserturm auf dem Bruderholz Verschwörungstheorien. Warum spielt der neue Hauspianist eigentlich mittwochs immer erst um 14.30 Uhr? Frau Held (87) vom Stammtisch hat eine böse Vermutung: «Das Personal will doch einfach, dass wir einen langen Mittagsschlaf machen, damit es auch eine längere Pause hat.»

Und warum sitzt Herr Thöni ganz alleine am Piano? Frau Rickli kann sich darüber nur empören: «Er kapselt sich völlig ab und gesellt sich nicht unters Publikum. Ich finde dieses Verhalten nicht sozial.» Als Herr Thöni nach einer knappen Stunde eine Pause einlegt, hat der Stammtisch um Frau Held schnell eine Erklärung zu Hand: «Er wird eben auch nicht jünger und seine Fingerkuppen sind irgendwann abgewetzt. Da muss er sich eben erholen.»

Altersheimpianist Herr Thöni.

Altersheimpianist Herr Thöni.

Meinungen können sich ändern, das gilt insbesondere fürs Altersheim. Was vor Frank Sinatras «My Way» galt, ist womöglich nach Harold Arlens «Somewhere over the Rainbow» ins Gegenteil verkehrt. «Herr Thöni macht das einfach wahnsinnig gut», heisst es nun am Stammtisch. «Er weiss einfach genau, wann er welches Lied spielen muss, damit wir nach der Mittagspause wieder in die Gänge kommen.» Frau Schacherer (83) von den («unbetreuten!») Alterswohnungen vis-à-vis sitzt eigentlich nicht gerne rum; sie will sich in der wunderschönen Natur auf dem Bruderholz bewegen, solange das geht. Aber wenn Herr Thöni aufspielt, dann kann auch sie nicht widerstehen.

Der Pianist weiss aus Erfahrung, wie sich die Stimmung im Publikum wandeln kann. Früher griff er im Hilton in die Tasten. Er konnte einen manchen steifen Banker an die Bar kommen sehen, der ein paar Bier später seinen Kopf zu seiner Musik zu wippen begann, um dann noch ein paar Stunden später torkelnd nach dem Ausgang zu suchen.

30er- und 40er-Songs

Die Bewohner seien ein angenehmes Publikum, findet Herr Thöni, der hier seit fünf Wochen einmal wöchentlich auftritt. Aber er muss sich noch an seine Bedürfnisse gewöhnen. Oft ertappt er sich dabei, wie er schon in der Mitte eines Songs ins Grübeln gerät, was er dem Publikum als nächstes auftischen will. Sein Rezept bisher: ein Mix aus 30er- und 40er-Songs sowie Evergreens. «Wenn die Leute mit dem Kopf wippen, dann weiss ich: Die Musik wird estimiert.» Der Erfolg gibt ihm recht. In der Altersheim-Cafeteria ist kein einziger Platz mehr frei. Es hat sich im ganzen Quartier rumgesprochen, dass man hier am Mittwochnachmittag in den Genuss eines Gratiskonzerts kommt.

Es ist 16 Uhr, das Klavier klappt zu. Ist ein Pianist, wo er nun im Altersheim auftreten muss, am beruflichen Endpunkt angelangt? Herr Thöni muss lachen. «Ich bin Ökonom, nicht Pianist.» Die Musik sei für ihn nicht dazu da, Geld zu verdienen. Sondern, richtig: Menschen glücklich zu machen.

In der Rubrik «Ein Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern künftig Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Die Redaktoren beleuchten lustige Vereine, angefressene Sammler oder abgedrehte Nerds. Natürlich kann sich melden, wer sich davon angesprochen fühlt.

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