Nähkästchen
Basler Politikerin Jessica Brandenburger: «Das Parlament ist keine Wohlfühloase»

Jessica Brandenburger, Co-Präsidentin der Basler SP und Grossrätin, über Glücksmomente im Konfiglas, Pfadi und Selbstbewusstsein.

Elodie Kolb Jetzt kommentieren
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Jessica Brandenburger plaudert aus dem Nähkästchen.

Jessica Brandenburger plaudert aus dem Nähkästchen.

Kenneth Nars

Jessica Brandenburger, über was sprechen wir heute?

Jessica Brandenburger: Ich habe den Begriff «Selbstbewusstsein» gezogen.

An was denken Sie bei dem Begriff?

Als Politikerin wird man oft nach seinem Äussern und seinem Auftreten bewertet, da muss man sich ein gutes Selbstbewusstsein zulegen. Ich glaube aber auch, dass es etwas ist, an dem man immer wieder arbeiten muss. Ich finde das so schön, wenn junge Frauen in die Partei eintreten und ein halbes Jahr später auf einem Podium stehen.

Was hat Ihnen geholfen, selbstbewusster zu werden?

Vorbilder zu haben. Von aussen hatte ich immer das Gefühl, sie sind perfekt und haben alles im Griff. Aber wenn ich die Personen näher kennen lerne, merke ich: Auch sie können nicht alles perfekt, sind aber trotzdem wertvoll. Und das ist es, was ich auch gerne für andere sein will. Dass Politikerinnen alles wissen und immer eine Antwort auf alles haben, ist ohnehin ein falsches Bild, das die Menschen häufig haben. Ja, wir wissen viel und denken viel nach. Aber auch ich habe sehr oft mein Leben nicht im Griff und muss mir dann einen Weg zurechtlegen.

Wer sind denn Ihre Vorbilder?

Sicher Samira Martina und Tamara Funiciello – sicher auch, weil ich mit ihnen befreundet bin. Und aus meinem Umfeld meine beiden queeren Tanten. Sie sind sehr politisch und haben auch meine feministische Seite in mir geweckt und gefördert.

Würden Sie denn sagen, dass Sie eine selbstbewusste Frau sind?

Ja, ich würde sagen, ich bin selbstbewusst. Ich denke, das liegt auch daran, dass ich mit fünf Jungs aufgewachsen bin. Und da gab es Situationen, da musste ich mich durchsetzen.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Gerade in der Politik muss man lernen, dass nicht jede Kritik einen bis ins Mark erschüttert. Das ist viel Arbeit, die niemand sieht. Manchmal prallt unsachliche Kritik einfach an mir ab, aber es gibt auch Tage, da komme ich aus dem Parlament heim und es geht mir richtig schlecht. Ich denke, ein starkes Umfeld ist wichtig, allein schafft man das nicht.

Wie nehmen Sie das Parlament wahr?

Ich habe das Gefühl, ich laufe ganz anders ins Parlament als andere. Ich muss mir immer genau überlegen: Was ziehe ich an und zu welchem Thema sage ich etwas. Denn für manche Leute ist meine blosse Anwesenheit eine Provokation. Das Parlament ist keine Wohlfühloase für mich, sondern ein Ort, an dem ich viel angegriffen werde.

Sie sind Pfadi-Leiterin. Wie hat Sie diese Aufgabe geprägt?

Pfadi ist etwas, das sehr zusammenschweisst. Ich habe das Gefühl, wenn man einmal zusammen mitten in der Nacht, im strömenden Regen ein umgekipptes Zelt wieder aufgebaut hat, kann nichts mehr schiefgehen. Pfadi-Leiterin zu sein, ist auch eine sehr gute Schule für das Selbstbewusstsein. Wir waren schliesslich mit etwa 16 Jahren für eine Gruppe Kinder verantwortlich.

Seit diesem Jahr sind Sie Co-Präsidentin der Basler SP. Hatten Sie Angst vor der Aufgabe?

Ich habe lange überlegt. Bereits der Schritt zur Grossrätin war gross und als das Präsidium frei wurde, wurde ich immer wieder angesprochen. Ich kann mich sehr gut an den Moment erinnern, als wir vier entschieden haben, zu kandidieren. Wir haben alle ein Konfiglas, in dem wir auf Notizzetteln schöne Momente sammeln. Und das war einer dieser Konfiglas-Momente. Respekt vor der Aufgabe war da, aber eigentlich nie Angst, weil wir immer im Team waren und sind. Und es hat viel an meinem Selbstbewusstsein verändert. Ich werde anders behandelt von den Menschen.

Inwiefern?

Der Umgang ist respektvoller, man hört mir gern zu und man möchte gerne mit mir reden. Das ist verständlich, aber auch komisch. Denn: Ich bin ja nicht anders als vor einem Jahr.

Können Sie Ihre Rolle als Politikerin manchmal auch abschalten?

Ich habe wie eine Uniform für die Politik und ich stelle mir manchmal vor, dass es wie ein Superheldinnenanzug ist. Ich arbeite auf einem Bauernhof und dort trage ich Wanderschuhe und Hosen mit Löchern. Das führt manchmal zu lustigen Situationen, wenn ich vom Arbeiten direkt in die Kommissionssitzung komme und meine Sitznachbarin mir noch Stroh aus den Haaren herauszieht (lacht). Ich brauche aber auch diese Trennung, dass ich mal irgendwo sein kann, ohne dass jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird.

Muss Politik denn ein Ort sein, an dem man sich wohlfühlt?

Ich finde schon. Ich glaube, es erhöht die Kreativität und das Arbeiten, wenn sich die Menschen wohlfühlen.

Sie sprechen viel über tabuisierte Themen wie die Periode oder sexuelle Identitäten. Braucht das viel Mut?

Das Gute ist, bei vielen Themen bin ich mir sicher, dass ich mehr weiss als mein Gegenüber. Deshalb braucht es nicht unbedingt viel Mut, sondern eher viel Durchhaltevermögen, bei den ganzen Rückfragen. Gerade bei LGBT-Themen finde ich es wichtig, dass auch nicht queer gelesene Menschen in der ersten Reihe stehen und sich einsetzen. Und das ist auch das, was ich mir von der Gesellschaft wünsche: dass die Menschen, die es können, für die Menschen einstehen, die es eben nicht selbst können oder wollen.

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