Neue Heimatkunden braucht der Kanton

Seit Jahren ist im Baselbiet keine Gemeinde-Heimatkunde mehr publiziert worden. Dabei macht sie auch im digitalen Zeitalter Sinn.

Tobias Gfeller
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Im Baselbieter Staatsarchiv sind die Heimatkunden abgelegt. Zuletzt sind keine neuen dazugekommen. Bild: Kenneth Nars (19. 11.2019)

Im Baselbieter Staatsarchiv sind die Heimatkunden abgelegt. Zuletzt sind keine neuen dazugekommen. Bild: Kenneth Nars (19. 11.2019)

Es war ein flammender Appell, den Josua Oehler vergangene Woche im Rahmen der Vernissage des Baselbieter Kantonsverlags hielt. «Reden sie mit Ratsmitgliedern, Kulturschaffenden und Einheimischen. Bringen sie deutlich zum Ausdruck, dass der Gemeinde etwas fehlt, wenn sie über keine Heimatkunde verfügt.» Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft zur Herausgabe von Baselbieter Heimatkunden ist Oehler besorgt über die Durststrecke bei den Gemeinde-Heimatkunden.

Die letzte erschien im März 2014 in Arboldswil – verfasst von Oehler. Es gab eine Zeit, da sprossen die Heimatkunden nur so aus dem Boden. Zuerst im 19. Jahrhundert, als Baselbieter Lehrer beschlossen, dass jeder über sein Dorf eine Heimatkunde schreiben soll. Eine zweite Welle gab es ab den 1960er-Jahren, als der Kanton die Arbeitsgemeinschaft ins Leben rief. Doch noch immer haben 26 Gemeinden keine «moderne» Heimatkunde. Dazu gehören Bubendorf und Laufen. «Es muss jetzt vorwärtsgehen», fordert Oehler. Zurzeit sind vier neue Heimatkunden am Entstehen.

Die Schwierigkeit liege neben den finanziellen Aspekten vor allem beim Finden von Autoren, stellt Oehler fest. Das Wissen sei oftmals da. Er rät den Gemeinden, wenn nötig externe Hilfe in Anspruch zu nehmen. «Mir ist bewusst, dass dies seinen Preis hat. Aber das ist es wert.» Es sei wichtig, dass Geschichte und Eigenheiten einer Gemeinde «schwarz auf weiss» dokumentiert sind. «Natürlich gibt es Erinnerungen und Erzählungen. Aber die gehen immer mehr verloren», warnt Oehler. Nach den Gemeindewahlen im kommenden Frühjahr will die Arbeitsgemeinschaft die neugewählten Behörden anschreiben und zum Verfassen einer Heimatkunde motivieren.

Expertin rät zu Mut, Neues auszuprobieren

Für Staatsarchivarin Regula Nebiker sind Heimatkunden wichtige Träger der Identität eines Dorfs. «Eine Heimatkunde ist jedes Mal eine Ist-Aufnahme: So sind wir, so leben wir und so geht es uns jetzt.» Nebiker hat selber an der Heimatkunde in Diegten mitgewirkt und war in Hölstein als externe Beraterin tätig. «E cheibe Murks», sei die Arbeit an einer Heimatkunde, gibt die Liestaler Stadträtin zu. Es brauche dafür eine Gruppe oder eine einzelne Person, die ein solches Projekt anreisst und vorantreibt. Oberstes Ziel einer Heimatkunde müsse sein, dass sie auch gelesen wird. Und das sei keinesfalls ein Selbstläufer. Die meisten Baselbieter Heimatkunden orientieren sich am altbekannten Raster. Nebiker rät aber zu Mut, auch Neues auszuprobieren. «Eine Heimatkunde sollte nicht nur rückwärtsgewandt sein, sondern auch moderne Formen aufgreifen, die die Menschen ansprechen.» Illustrationen spielen da eine zentrale Rolle, findet die Staatsarchivarin.

Grosses Potenzial bietet heute die Digitalisierung. Nebiker warnt aber davor, zu glauben, das Internet könne sämtliche Probleme der Heimatkunden lösen. «Nur digital reicht nicht. Es muss primär interessant sein.» Flora, Fauna und Klima, die in fast jeder Heimatkunde thematisiert werden, seien in den meisten Dörfern gleich wie im jeweiligen Nachbardorf.

«Es müssen wirklich Eigenheiten, Geschichten und Fotos aus dem Leben der jeweiligen Gemeinde aufgegriffen werden. Das macht die Identität einer Heimatkunde aus.» Für Oehler sind die traditionellen Themen in einer Heimatkunde trotzdem wichtig. Es müsse aber immer Platz für individuelle Themen und Gestaltungen haben.

Heimatkunde Muttenz wird online aktualisiert

Wie man das Internet als Teil der Heimatkunde nutzen kann, zeigen die Muttenzer Historikerin und Autorin Helen Liebendörfer und der ehemalige Lehrer Hanspeter Meier. 2009 gab Liebendörfer die Muttenzer Heimatkunde in Buchform inklusive CD mit Fotos und Filmen heraus. Seitdem führt sie zusammen mit Meier die Heimatkunde online weiter. Regelmässig werden aktuelle Themen aufgegriffen. «Das Digitale ist eine Chance für Heimatkunden. Bücher sind ja sofort überholt», meint Liebendörfer. Für die Historikerin, die schon mehrere Bücher herausgegeben hat, war das Verfassen der Heimatkunde eine «tolle Erfahrung».

Auch Reinhard Vögtlin, der die Heimatkunde Duggingen verfasst hat, kann nur Gutes über die Recherchearbeit berichten. Während fünf Jahren hat er zusammen mit einer kleinen Gruppe an der Heimatkunde gearbeitet. «Es ist doch wichtig, zu wissen, ob für Neuzuzüger oder bestehende Bewohner, was in einem Dorf passiert ist. Gerade auch für die Schulen.» Dass es im Baselbiet aktuell mit Heimatkunden harzt, wundert Vögtlin nicht. «Es gibt doch immer weniger Menschen, die sich für die Geschichte des eigenen Dorfs interessieren.»