Öffentliche Kunst
Bühne frei für den Eisenholzbaum auf dem Basler Münsterplatz

Kunstvermittler Klaus Littmann hat auf dem Basler Münsterplatz einen Baum pflanzen lassen – samt einer Miniarena auf Zeit.

Christoph Dieffenbacher
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Hier lässt sich dem Eisenholzbaum beim Wachsen zuschauen.

Hier lässt sich dem Eisenholzbaum beim Wachsen zuschauen.

Kenneth Nars

Dort, wo an der Herbstmesse das Riesenrad in die Höhe ragt, steht jetzt Basels jüngste Kunstinstallation: ein Baum, der von einem leichten, korbförmigen Holzbau umfasst wird. In dessen begehbarem Innern finden sich einige Sitzreihen, die auf den einzigen Akteur in der Mitte ausgerichtet sind, einen acht Meter hohen Eisenholzbaum.

Das robuste Exemplar aus der Familie der Zaubernussgewächse, aus dem Kaukasus und dem Iran stammend, soll überaus dicht und stressresistent sein, dazu pflegeleicht und wenig anfällig auf Krankheiten. Er wächst sehr, sehr langsam, und in der Regel genügt ihm Regenwasser zum Überleben.

Eingerichtet wurde die öffentliche und begehbare Installation vom früheren Basler Galeristen und heutigen Künstler und Kunstvermittler Klaus Littmann, der sie zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Enzo Enea vorstellte. Mit seiner Installation im öffentlichen Raum wolle er die Wahrnehmung schärfen und die Menschen anhand eines Stücks Natur zu Gedanken anregen, wie schonungslos wir mit unserer Umwelt umgehen.

Der Baum diene als Stellvertreter für viele andere Bäume und überhaupt für die komplexe Natur um uns herum – während sich diese umgekehrt als «gewaltiges Gesamtkunstwerk» verstehen liesse. Als weiteres Stichwort dazu nennt der Künstler den drohenden globalen Klimawandel.

Der Baum als Stellvertreter der Natur

Littmann hat die «Arena für einen Baum» – so der Titel seines neuen Werks – aus seiner weitaus grösseren Installation im Fussballstadion in Klagenfurt entwickelt, auf dessen Spielfeld er vor zwei Jahren gleich 299 Bäume als mittelgrossen Mischwald inszenierte. Auch dort konnte das Publikum auf einer Tribüne sitzend das ungewohnte Stadtgrün von morgens bis abends bei freiem Eintritt betrachten.

Angeregt war die nicht unumstrittene Intervention «For Forest» von einer älteren Bleistiftzeichnung des österreichischen Architekten und Malers Max Peintner mit dem Titel «Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur». Die Unterschiede dieser beiden Installationen sieht Littmann so:

«Während wir in Klagenfurt einen Ort schaffen konnten, um die Natur wahrzunehmen, stehen in Basel ihre Bedrohtheit und Inschutznahme im Zentrum.»

Enea ergänzt verallgemeinernd, für ihn sei der Eisenholzbaum der Baum der Hoffnung und der Zukunft schlechthin.

Die Natur betrachten, als ob sie ein Kunstwerk wäre, ist nicht neu. Und Littmann ist auch nicht der Erste, der mit Bäumen in ungewohnter Umgebung auf sich aufmerksam macht – seine temporären Interventionen sind bewusst kurzlebiger und grundsätzlich weniger provokativ angelegt als andere.

Kunstvermittler Klaus Littmann auf dem Basler Münsterplatz.

Kunstvermittler Klaus Littmann auf dem Basler Münsterplatz.

Kenneth Nars

So hatte Joseph Beuys, bei dem Littmann studiert hatte, nach der Documenta 1982 in Kassel für sein Projekt «7000 Eichen» ebenso viele Bäume pflanzen lassen. Das zunächst umstrittene Vorhaben entwickelte sich zu einem nachhaltigen, ganze Stadtviertel prägenden Teil des öffentlichen Raums. Später sorgten Christo und Jeanne-Claude in «Wrapped Trees» für Aufsehen, als sie in Riehen und anderswo reihenweise Bäume in Polyesterstoff verpackten.

Littmanns temporäre Einzelbepflanzung auf dem Münsterhügel mag als künstlerische Intervention vergleichsweise bescheiden wirken. Und wenn seine Miniarena bereits in einem Monat wieder abgebaut wird, muss auch der heute 60-jährige Baum auf Dauer anderswo seine Wurzeln schlagen. Wahrscheinlich kommt er als Geschenk des Künstlers an die Stadt Basel in einen Park, wie es hiess. Dort könnte das Exemplar dann, bei weitaus weniger Beachtung, theoretisch bis zu 400 Jahre alt werden – immerhin sollen sich im Herbst seine prächtigen, gelb- bis rotfarbenen Blätter auffällig lange halten.

Arena für einen Baum. Basel, Münsterplatz, bis 24. Mai 2021, 11–20 Uhr.
Ausstellung «Tree Connections» vom 11. Mai bis 11. Juli in der Kulturstiftung Basel H. Geiger.