Ortsunkunde
Elektra an der Birs

Simon Morgenthaler besucht für die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend Basler Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Ortsunkunde Birseck

Ortsunkunde Birseck

Bild: Simon Morgenthaler / bz Zeitung für die Region

Das sei eine Sauerei, sagt Herr M., sich bückend, um das Häufchen seines Hundes aufzunehmen. Er habe sich damals so gefreut, als man auf diese Betonwand ein stolzes Drämmli aufgemalt habe, und jetzt sei das alles verschmiert. Sogar der liebe Waudi beginne immer zu bellen, wenn sie hier vorbeispazierten. Frau P., hundlos, denkt, dass Waudi gar nicht bellt, ohnehin gar nicht bellen könnte, sondern kläffen würde, möchte er bellen, sagt aber nichts.

Überhaupt diese Saugoofen heutzutage, immer nur Mist im Kopf, starren in ihr Telefon und wenn sie einmal aufschauen, machen sie Unsinn, sagt Herr M., knöpft das Robidog-Säcklein zu. Früher habe man noch Anständiges zu Stande gebracht, geleistet habe man was! – Das sei aber auch eine Leistung, erwidert Frau P., beschnüffelt von Waudi, ob er denn nicht gelesen habe, was da stehe. – Die sollen erst mal Deutsch lernen! – Da stehe hingesprayt, so Frau P., Rollbrettfahren sei kein Verbrechen, aber Sprayen schon, das sei immerhin beinahe philosophisch, eine pointierte Auseinandersetzung mit Recht und Unrecht, mit dem, was da gemacht worden sei. Herr M. schweigt, er lässt das Säcklein baumeln, es knistert.

Ob er denn die Geschichte dahinter nicht kenne? Elea, die Tochter von Frau K., sei’s gewesen, und die habe allen Grund gehabt, zu rebellieren. Frau K. habe einen Liebhaber gehabt und Eleas Vater sei derart depressiv geworden, dass er seine Arbeit verloren habe, und die sei sein Leben gewesen. – Als was? – Kontrolleur bei den BVB.

Elea habe den ganzen Krach abbekommen, ihr Bruder Otto sei hingegen abgehauen. Das wiederum habe Frau K. depressiv gemacht, sei doch schon die älteste Tochter in Griechenland verschwunden, auf Nimmer-Wiedersehen. Viele ungute Dynamiken, viel Streit, wenn auch nie laut. Sie könne Elea verstehen, dass sie da ein Ventil gebraucht habe. – Ob das denn nicht bestraft worden sei? – Nein, das sei ja kein Verbrechen, das sei Normalität. – Sprayen ist illegal, das stehe doch hier. – Ah, Eleas Sprayerei. Doch, Jugendgericht. – Und Otto? – Der habe angeblich im Ausland einen Autounfall gehabt.

Es rumpelt. Wie aus dem Nichts rollt ein Mädchen an den beiden vorbei, grüsst derart deutlich, dass Herrn M. vor Schreck das Säcklein aus den Fingern fällt. Waudi wedelt mit seinem Schwanz. Tragisch, denkt Herr M., aber diese kriminellen Rollbrettfahrer immer! Er geht davon, Waudi mit sich reissend. Auch Frau K. eilt weg. Das Säcklein bleibt dort liegen, wo es hingefallen ist.

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