Ortsunkunde
Problem von Banane und Wurst

Simon Morgenthaler besucht für die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend Basler Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Die Bananenbrücke zwischen Muttenz und Münchenstein.

Die Bananenbrücke zwischen Muttenz und Münchenstein.

Simon Morgenthaler

Es ist etwas mehr als eine Woche her. Ich wollte gemütlich durch den Tüfelsgraben schlendern, Richtung Muttenz, ein Waldspaziergang, um den Kopf freizubekommen, hatte ich ihn mir doch in letzter Zeit eher zerbrochen, ihn zuweilen gar verloren, die Luft sollte es richten, durchschnaufen. Aber der Weg war wegen Hangrutschgefahr gesperrt.
Ich war auch nicht willens, den deutlich sichtbaren, von delinquenten Hündelern und sportiven Freizeitkontrebandisten getrampelten Fusspfad zu nehmen, der um die ebenso deutlich sichtbare Absperrung herumführte: Die Gefahren schienen mir zu bedrohlich, auch moralisch wär’s ganz entgegen der ausgeprägten Sehnsucht nach innerer Ruhe gewesen. Also ging ich weiter, dem Strässchen entlang.

Nach vielleicht hundert oder zweihundert recht glücklichen Metern – nur einmal unterbrochen durch das ostentative Surren einer elektrifizierten Fahrradfälschung – stand ich wieder vor einem Verbotsschild: die «Bananenbrücke» sei gesperrt. Das Exotikum machte mich neugierig, obwohl mir klar schien, dass wohl lediglich die Krümmung der Brücke konstitutiv für ihren Namen war. Ich hatte auch überlesen, dass die Sperrung erst am nächsten Tag in Kraft treten würde, also noch gar nichts gesperrt war, und so war ich zwar erleichtert, nicht rechtsbrüchig geworden zu sein, aber durch eine andere Beobachtung äusserst irritiert.

Weithergekrümmtes gegen Nationalgebogenes

Die «Bananenbrücke» war nämlich mit gelben Transparenten versehen, auf denen deutlich ein ganzer Reigen wohlgekrümmter, roter Würste abgebildet war, die den Schwung der Beton- und Geländerstruktur in geradezu dynamischer Weise zu kontrapunktieren schienen. Es machte mich nicht nur nervös, dass hier eine starke assoziative Diskrepanz zwischen der offenbar eingebürgerten Bananenbezeichnung und den doch eigentlich geografisch und auch formal viel passenderen Wurstillustrationen bestand. Dass die Wurst-Transparente ausgerechnet bananenfarbig gehalten waren, verstörte mich vollends.

Mit gepresster Atmung und vor Denkbewegung durcheinandergeratener Stirn ging’s mir – weitergehend, weg von der Brücke – dann plötzlich auf: Es würde eine Demonstration geben, darum die Sperrung, die Bewahrer der Bananenbrücke gegen die Befürworter der Wurstbrücke, ein Namenskampf, Frucht gegen Fleisch, Weithergekrümmtes gegen Nationalgebogenes, es müsste ein Massaker geben. Ein paar Tage später las man nur von Schürfwunden, von einem MTB-Rennen. Ich verstand die Welt nicht mehr.

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