Premiere in Basel
«Father Politics»: Ein tänzerisches Statement gegen Meinungsmacherei, Manipulation und Machtkalkül

An der Premiere in der Kaserne Basel erntet der Choreograf Muhammed Kaltuk für «Father Politics» eine Standing Ovation. Mit dem Tanzstück demaskiert die MEK Company politische Denkmuster.

Tanja Opiasa-Bangerter
Merken
Drucken
Teilen

Laura Gauch/Kaserne

Sein Arm ringt mit dem Anzugsärmel, sein Oberkörper wehrt sich, zittert, sträubt sich gegen die Uniformierung. Egon Gerber wirbelt um die eigene Achse, streift den Blazer ab und gleich wieder an. Die Company-Mitglieder nicken bestärkend. Tänzerin Serafina Beck schert aus und konfrontiert ihn, ihren Körper nach hinten wölbend, schüttelnd, mit ihrem Unbehagen. Der Anzugträger streckt seinen Finger aus und bringt sie zu Boden, nach Atem ringend schleppt sie sich von der Bühne. Das Scheinwerferlicht zeichnet seinen Schatten an die Wand gegenüber. Mit erhobenem Finger und überdimensional gross, bricht er in schallendes Gelächter aus.

«Was bedeutet es, als Politiker ein Jackett zu tragen und vor dem Podium zu stehen?»,

fragt Choreograf Muhammed Kaltuk, als wir ihn am Premierenabend von «Father Politics» in der Kaserne treffen. Mit seinem kritischen Bühnenstück ist ihm ein eindrückliches Porträt der Generation Change gelungen, deren Energie man sich kaum zu entziehen vermag. In einem ekstatischen Reigen aus hochstehenden, kraftvollen Solos und der geballten Energie von perfekt synchronisierten Gruppenelementen tanzt sich die Company zur Höchstform und demaskiert politische Denkmuster.

Gesellschaftspolitische Themen im Tanz reflektiert

Zeigefinger, High Heels und Hemden werden zu Symbolen von Segregation und Machtmissbrauch. «Besonders Frauen werden in der Politik stark über ihr Äusserliches definiert». Und: «Anzugträger werden ernster genommen», betont Kaltuk, der mit seiner Crew am Samstag für Standing Ovations sorgte.

Bereits zwei Tage nach Beginn des Vorverkaufs sei jede der sechs Shows ausgebucht gewesen, sagt Kaltuk. Er gehört zu den wenigen Glücklichen, deren Produktion am geplanten Datum stattfinden konnte. «Irre, wir haben die Bühne schmerzlich vermisst», sagt der passionierte Tänzer, der vor zwei Jahren die MEK Company gründete und der nebst seinem Engagement für die Basler Tanzcrew Special Elements auch solo bereits etliche Bühnen und Fernsehauftritte inszenierte. Die Company arbeite in den Grenzbereichen von Hip-Hop, Popping, Breaking, bis zu Contemporary.

Mit der Absicht, tänzerisch gesellschaftspolitische Themen aufzuarbeiten, habe sich die Company diverse Konzepte ertanzt. Jeder von ihnen verbinde andere Erfahrungen mit Politik. «Wir haben lange nach einer gemeinsamen Körpersprache gesucht», sagt Kaltuk. Meinungsmacherei, Manipulation und Machtkalkül hätten die Company im Entstehungsprozess beschäftigt. Das Stück zeige ihren gemeinsamen Nenner und motiviere jeden dazu, ein Teil der Veränderung zu sein. Politik verbinde der Interpret mit türkischen Wurzeln mit einem Gefühl von Ohnmacht. Dieses teile er mit seiner Crew.

Anzugjacken als Manifestation des Diktats

«Ich möchte Raum einnehmen dürfen», sagt die Tänzerin Annakatharina Chiedza Spörri und wendet sich ans Publikum. Stille. Ihr Monolog berührt in seiner Schonungslosigkeit, die jeden im Raum adressiert. Muss sie sich anpassen, sich unterordnen, um dazugehören? Werde sie ernst genommen, als dunkelhäutige, junge Frau, in einer Politik, die mehrheitlich von Weissen dominiert wird? Das Saallicht geht an. Wir fühlen uns ertappt. Aus unserer Komfortzone gerissen. Wir müssen Stellung beziehen. Ein Teil der Veränderung sein. Spörris Körper wölbt sich, sie ringt nach Atem, ihre Hände strecken sich aus. Sie bedeckt ihren Mund mit der einen, ihren Hals mit der anderen. Ihre körperliche Ausdruckskraft schier unerschöpflich, sprengt ihr tänzerischer Ausdruck jegliche Grenzen.

Während sich die Scheinwerfer wieder zur Bühne richten, tragen mittlerweile alle Tänzer statt individuellen Outfits Anzugjacken. Sie haben sich dem Diktat gebeugt und schütteln sich oberflächlich die Hände. Ihr maskiertes Lächeln entpuppt sich als ironische Grimasse. Breakdancer Moa Bomolo, wird in seinen präzisen Moves von einer Anzugträgerin dirigiert. Marionettentheater. Zwei Tänzerinnen in Stilettos tänzeln zum Podium, auch die Dritte steigt widerwillig in ihre High Heels. Dann wummert der Bass aus den Boxen. Die Tänzerinnen durchbrechen die drappierte Angepasstheit mit lasziven Hip-Hop-Moves. Wenig später fallen die Anzüge zu Boden. Fast hüllenlos zeigen sich die Tänzer in ihrer ganzen Verletzlichkeit und Individualität. Und beziehen - Stellung.