Prozess verschoben
Er hat sich wegen Schändung zu verantworten - doch der Hauptangeklagte erscheint nicht vor dem Basler Strafgericht

Nach einer Partynacht im St. Johann vergreifen sich vier Männer an einer Frau - während sie schläft. Erst ein Video entlarvt die Täter. Nun stehen die vier vor Gericht. Der Prozess muss aber sistiert werden.

Patrick Rudin
Merken
Drucken
Teilen
Die Männer prahlten nach der Tat mit dem Video herum.

Die Männer prahlten nach der Tat mit dem Video herum.

Zvg Pro Juventute

«Ich kann mich ja nicht erinnern. Aber auf diesem Video konnte ich es sehen. Eigentlich muss ich ja froh sein, dass gefilmt wurde», erklärte die Frau im Gerichtssaal. Ausführlich befragte das Dreiergericht am Donnerstag die damals 18-Jährige zu den Vorfällen im April 2019 in einer Wohnung in der Mittleren Strasse in Basel.

In jener Freitagnacht traf sie an der Heuwaage vier Bekannte, man landete frühmorgens in der leer stehenden Wohnung. Konsumiert wurde Whisky, Wodka, Kokain und Marihuana, gegen sieben Uhr morgens schlief die Frau ein. Als sie am Abend aufwachte, fiel ihr auf, dass die Männer über ein Video tuschelten, erfuhr aber nichts über den Inhalt. Doch einer der Männer prahlte gegenüber dem Freund der Schwester des Opfers mit seinem nächtlichen «Erfolg» und schickte ihm das Video, zwei Wochen später sah es dann auch die Frau selber und erstattete sofort Strafanzeige.

Hauptangeklagter erschien nicht vor Gericht - wegen Diabetes

Laut Anklageschrift ist darauf zu sehen, wie der heute 22-jährige Brasilianer und Hauptangeklagte mit der schlafenden oder gar bewusstlosen Frau Sex hat und sich dabei filmt. Danach machte ein 20-jähriger Schweizer dasselbe, ein 22-jähriger Schweizer filmte das Geschehen. Anwesend war auch ein 27-jähriger Mann aus Ghana, er feuerte die anderen an. Rechtlich gilt Sex mit einer zum Widerstand unfähigen Person als Schändung, die Staatsanwaltschaft hat alle vier Männer deswegen angeklagt, zwei davon zumindest wegen Gehilfenschaft. Nach der Anzeige sassen sie für 20 Tage in Untersuchungshaft.

Der Prozess sollte eigentlich diese Woche über die Bühne gehen, das Urteil war für kommenden Dienstag vorgesehen. Doch der Hauptangeklagte erschien gestern Donnerstag nicht vor Gericht: Er befindet sich im Spital und wird laut Arztbericht dort auch noch für einige Tage bleiben müssen. Das Gericht lehnte allerdings eine Abtrennung der Verfahren ab, alle vier Männer sollen gemeinsam beurteilt werden. Somit wird der Prozess vorerst sistiert und ein neues Datum gesucht. Fraglich war auch, ob das Gericht derweil schon die Opfer befragen darf, oder ob der 22-Jährige wegen des Konfrontationsrechtes zwingend anwesend sein müsste.

Der entsprechende Antrag eines Verteidigers sorgte bei Opferanwältin Annalisa Landi für Verärgerung:

«Der Arztbericht spricht von einem Diabetes, die entgleist ist. Diabetes entgleist dann, wenn man sie entgleisen lässt. Ich frage mich schon, ob da noch etwas anderes dahinter steckt, wenn er sich passend auf den Termin der Hauptverhandlung ins Spital einliefern lässt.»

Die drei Richter befragten daher gestern die Frau, die drei anwesenden Angeklagten mussten auf Wunsch des Opfers hin die Befragung per Video von einem Nebenraum verfolgen. Die Äusserungen der Verteidiger lassen darauf schliessen, dass die Männer teilweise behaupten, die Frau habe schon früher Gruppensex mit ihnen gehabt und sei damit einverstanden gewesen. Die Frau verneinte dies gestern klar und betonte auch, sie habe an jenem Abend mehrmals deutlich gesagt, sie wolle keinen Sex.

Der abwesende Hauptangeklagte muss sich auch noch gegen ähnliche Vorwürfe einer anderen Frau verteidigen. Auch hier geht es um Sex nach einem Discobesuch im April 2017. Ihm sowie dem Mann aus Ghana droht nebst der Strafe der Landesverweis. Der neue Termin der Hauptverhandlung steht noch nicht fest.