Roxy Birsfelden
Im Zwiegespräch mit dem Berg

Mit der szenischen Installation «LEF» entführen Sol Bilbao Lucuix und Fabrizio Di Salvo das Publikum im Theater Roxy auf einen kontemplativen Spaziergang in die Innenräume der Seele.

Dominique Spirgi
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Sucht und findet Zuflucht in den weichen Flanken des Bergs: Sol Bilbao Lucuix mit ihrer Performance «LEF» im Theater Roxy.

Sucht und findet Zuflucht in den weichen Flanken des Bergs: Sol Bilbao Lucuix mit ihrer Performance «LEF» im Theater Roxy.

Fabrizio Di Salvo

In diesem Fall gilt die oft zitierte Weisheit nicht, dass sich der Philosoph zum Berg bewegen soll, wenn es umgekehrt naturgemäss nicht klappen kann. Hier ist es der Berg, der sich zur zum Menschen hinbewegt. Eine zierliche junge Frau ist es, die vom Berg heimgesucht und schliesslich von ihm eingenommen wird. Und die sich zu Beginn als Flaneurin auf dem Weg in ihr Inneres vorstellt: «I’m going (…) I’m on my way alone (…) Like a sleep seeker I pull myself back.» («Ich gehe los, ich bin allein unterwegs, wie eine Schlafsuchende ziehe ich mich zurück».)

Die Szenerie auf der weitläufigen Bühne im Theater Roxy in Birsfelden suggeriert, dass wir uns als Zusehende bereits mitten in der Gedankenwelt der Protagonistin befinden. Zu sehen oder besser zu erleben ist erst einmal eine in ein zartes Licht getauchte und von monoton-metallischen Elektroklängen akustisch untermalte Ebene, die von verschiedenen wolkigen Woll-Hügelchen und einem vulkanartigen kleinen Berg in der Mitte durchbrochen wird.

Eine geheimnisvoll-entrückte Welt tut sich auf

Dieser Berg, der sich später eben bewegen und darüber hinaus auch noch sprechen wird, spuckt zu Beginn Rauch aus, der sich zu einer Wolke verflüchtigt, die noch lange Zeit über der Szenerie hängen bleiben wird.

Es ist eine geheimnisvoll-entrückte Welt, die sich da auftut und in die sich die Flaneurin auf somnambule Art einfügt; eine Szenerie, die den Zuschauer oder die Zuschauerin auf beinahe schon hypnotische Art einnimmt und viel Raum für Interpretationen freilässt. Das liegt auch an den suggestiven Texten der jungen Basler Lyrikerin Eva Seck, die nicht nur der Frau, sondern auch dem Berg eine Stimme gibt. Etwa in einem ruhigen Zwiegespräch über Traumwelten. «In my dream I was the most powerful being of earth» («Im Traum war ich das mächtigste Wesen der Welt»), sagt der Berg. Und die junge Frau sagt: «Last night I dreamt (again) of power. She wore a freaky dress of marbles and driftwood.» («Gestern Nacht habe ich von Macht geträumt; sie trug ein ausgeflipptes Kleid aus Murmeln und Schwemmholz.»)

Es ist keine leicht verständliche Kost, welche die Performerin Sol Bilbao Lucuix und der Licht- und Sounddesigner Fabrizio Di Salvo mit ihrem Projekt geschaffen haben. Es ist, als stünde man vor einem dreidimensionalen audiovisuellen Kunstwerk, dessen Sinn oder Hintersinn sich erst mit der Zeit offenbart. Man muss sich darauf einlassen, sich einnehmen lassen, in die Szenerie eintauchen. So wie sich die Protagonistin auf der Bühne nur langsam von der Szenerie einnehmen lässt.

Zu Beginn scheint sich die junge Frau auf allen vieren am Boden kauernd gegen die Vereinnahmung zu wehren. Mit der Zeit aber wird sie mehr und mehr Teil des Ganzen, das, so kann man es eben interpretieren, ihrem Unterbewusstsein entspricht.

Langsam und stetig nähern sich die Frau und der Berg aus Wolle einander an. Die Frau sucht und findet Zuflucht in den weichen Flanken des Bergs. Und schliesslich wird sie von ihm umhüllt und eingenommen.

«LEF». Sol Bilbao Lucuix & Fabrizio Di Salvo. Theater Roxy, Muttenzerstr. 6, Birsfelden. Weitere Termine: Fr., 14.01, Sa., 15.01, und So., 16.01, jeweils 20 Uhr. www.theater-roxy.ch



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