Rutschmadame
«Ich bin ein Mässmogge»

Kolumnistin Martina Rutschmann über die Herbstmesse, Guy Parmelins Messebesuch und selbstgekelterten Mässwein.

Martina Rutschmann
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Guy Parmelin: Bundespräsident und ein visionäres Kerlchen, findet Kolumnistin Martina Rutschmann.

Guy Parmelin: Bundespräsident und ein visionäres Kerlchen, findet Kolumnistin Martina Rutschmann.

Anthony Anex / KEYSTONE

Wir haben ihn unterschätzt, den Winzer aus dem Bundesratsgrüppli. Vor einer Woche mussten wir uns eingestehen: Guy Parmelin ist doch ein visionäres Kerlchen! Mitten in der Erntezeit liess der Bundespräsident seine Reben stehen, um der Herbstmesse die Ehre zu erweisen.

Nachdem er den Fliegenden Teppich, das Entenfischen und die Schoggibanane entdeckt hatte, war für ihn klar: Diese Chilbi ist ein Menschenrecht! «Möge es nie mehr ein Jahr ohne Herbstmesse geben», verkündete der Wirtschaftsminister. Ein Politiker mit einer Botschaft. Gab es seit Kennedy nicht mehr. Sofort hat Parmelins symbolträchtiges «Ich bin ein Mässmogge»-Bekenntnis Kennedys Berlin-Zitat als zeitloser Slogan abgelöst. Sogar Sozialisten jubeln: Parmelin-T-Shirts verdrängen bereits jene mit Che Guevaras Kopf, Geniesser verzichten für einen Schluck von Parmelins Chasselas auf Castro-Zigarren. Das alles, weil unser Guy Mässmut bewiesen hat.

Vom Lieferengpass zum selbstgekelterten Mässwein

Bloss etwas hat er vergessen, als er uns ewige Herbstmesse schwor. Nämlich, dass die von seiner Partei vergraulte EU uns bald keinen Strom mehr liefern wird. Blackout! China wird seine Plüschpandas bald nicht mehr als Schiessbuden-Trostpreis zur Verfügung stellen. ­Lieferengpass! Und was ist mit Mehl und Kakaopulver? Wird alles bald so teuer, dass es sich nur noch der Daig leisten kann – und der wird damit kaum dem gebeutelten Volk sein Magenbrot kneten. Eine Herbstmesse ohne Strom? Wir sind ja nicht im Mittelalter! Oder? Und da ist er wieder, der Visionär aus dem Welschland.

550 Jahre alt ist der Event, der ihn so berauscht hat, dass er ihn künftig nachhaltig und rein Schweizerisch aufziehen will. Damit der Event unabhängig von Wirtschaft, Klima und anderen lästigen Dingen weiter bestehen kann. Parmelin wird, traditionsbewusst, wie ein Volksparteiler sein muss, die Ursprünge der Messe aufleben lassen. Er wird die Menschen, statt auf Bahnen im Kreis herumzuschleudern, an eingefetteten Holzpfählen hochklettern lassen. Und jedem, der oben ankommt, einen Ledersack mit selbstgekeltertem Mässwein schenken. Die Kinder werden dankbar Walliser Aprikosen knabbern – und sich schämen, dass EU-strombetriebene Bahnen und Südfrüchte einst Glücksgefühle in ihnen weckten. Möge es nie mehr ein Jahr ohne Herbst­messe geben!

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