Rutschmadame
Postkarte aus dem Süden

Die Kolumnistin über die Postkarten-Parallelwelt, in der Frauen nur noch ein bisschen Sexobjekt sind, und die Angst, beim Postkartenschreiben jemanden zu vergessen.

Martina Rutschmann
Martina Rutschmann
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Postkartenmotive gibt es für jede und jeden.

Postkartenmotive gibt es für jede und jeden.

Symbolbild: Martin Ruetschi/Keystone

Sonnenschirme, türkisblaues Meer. Kinder bauen Burgen, und in der Ferne flaniert eine Blondine im Tanga ins Wasser. So mancher Betrachter würde das Strandidyll wohl gern näher zoomen, doch eine Postkarte ist kein Smartphone. Die Männerbadehosen sehen modern aus, daher dürfte das Bild neueren Datums sein. Den endgültigen Beweis, dass es keine Postkarte aus den 80ern ist, liefert jedoch die Frau – früher wäre ihr Po einziges Sujet gewesen. Heute dürfen Frauen auf Postkarten nur noch ein bisschen Sexobjekt sein, in der Mitte des Fotos platziert zwar, aber weit weg und auf dem Weg, abzutauchen. Sonst – alles wie gehabt. Postkarten sahen vor 40 Jahren aus wie heute, bloss fehlte der Glitter auf den Fischen der kinderfreundlichen Karten. Die Fotos von Sarazenentürmen sind aber noch exakt dieselben wie damals, als es noch keine Hosentaschenfotoapparate mit Instagram gab. Das ist daran zu erkennen, dass die Natur noch unberührt war.

Es ist beruhigend, sich in diese Postkarten-Parallelwelt zu flüchten. Gern hätte ich Euch allen eine massgeschneiderte Karte geschickt, aber zu gross war die Angst, jemanden zu vergessen. Den Bildungsbürger zum Beispiel. Seine Karte ist besonders raffiniert gestaltet.

Sie ist anspruchsvoll, die Postkarten-Parallelwelt

Wie die Kinderpostkarte ist sie mit Bildchen garniert, die ohne Lupe nichts wert sind, aber – und das macht den Unterschied – daneben steht ein Gedicht eines Mannes, der einst den Literaturnobelpreis gewann für Zypressentexte. Es ist im Original gedruckt, wer kein Italienisch kann, hat Pech. Die Karte mit den Maremma-Rindern wäre eine Alternative, geeignet auch für Tierfreunde, denn die Rinder haben es schön in der Maremma, genauso wie die Touristen.

Das beweist die Sonnenanbeter-Karte für Menschen, die gern nahen Kontakt zu Fremden pflegen, indem sie sich mit ihnen in der Reihe synchron sonnen. Für sie gibt es eine Postkarte mit zahlreichen Liegestühlen, gehalten in den Farben des Sonnenuntergangs. Die Menschen müssen sie sich dazu denken. Tja, sie ist anspruchsvoll, die Postkarten-Parallelwelt. Selbst Romantiker müssen beim Anblick der Blaue-Tür-mit-Topfpflanzen-Karte hirnen, ob das Bild nicht doch in Mecklenburg-Vorpommern aufgenommen wurde. Aber was soll's! Die Ferien sind sowieso vorbei, sobald die Postkarte im Briefkasten liegt. Und das Einzige, was bleibt, ist ein Stück Karton am Kühlschrank.

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