Rutschmadame
Postkarte aus der Heimat

Ferien zu machen ist aktuell nicht immer so einfach. Doch auch den Daheimgebliebenen wird es nicht langweilig. Gedanken über das Wetter und die Rechnerei mit den Corona-Zahlen hält die Hirnzellen auf Trab.

Martina Rutschmann
Martina Rutschmann
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Für die Wahl des Reiseziels ist aktuell eine Risikoanalyse nötig.

Für die Wahl des Reiseziels ist aktuell eine Risikoanalyse nötig.

Symbolbild: Martin Ruetschi / KEYSTONE

Flugzeuge brummen über unseren Köpfen und hieven Euch in die Sonne. Kaum ist eines ins Wolkenmeer eingetaucht, sorgt das nächste dafür, dass wir uns im eigenen Garten anschreien müssen – ob wir nun im CO2-Regen einen Heiratsantrag machen wollen oder es lediglich darum geht, das grillierende Gegenüber um eine zweite Merguez zu bitten. Push-Nachrichten lassen uns zusammenzucken und, sobald wir die Schlagwörter «Gotthard» und «Stau» erfasst haben, aufatmen.

Auch die Fotos, die Euch mit Margherita und Strohhut vor malerischer Kulisse zeigen, begleiten uns durch den Sommer; uns, die Daheimgebliebenen. Während bei Euch die Gefahr einer akuten Strandmonotonie besteht, haben wir hier alle Hirne voll zu tun.

Jeden Morgen die bange Frage: Werde ich den Abend erneut mit Wollsocken an den Füssen ausklingen lassen müssen? Kann ich die Daunenjacke heute an der Garderobe lassen? Werde ich einen Schritt vor die Tür wagen können, ohne von Hagel und Blitz erschlagen zu werden? Die Mischung aus Hoffnung und Kapitulation macht unseren Alltag so spannend. Genauso wie die Rechnerei, die mit den BAG-Zahlen einsetzt.

Wir halten unsere Hirnzellen auf Trab, indem wir uns fragen, warum das 80-Millionen-Deutschland wegen 1800 neuer Corona-Fälle in Panik ausbricht, während die zehn Mal kleinere Schweiz bei halb so vielen Neuerkrankungen in Baselbieter Manier «mir wei luege» verkündet. Doch halten wir uns nicht mit Details auf, genug andere Herausforderungen stellen sich uns Daheimgebliebenen.

Zum Beispiel die Suche nach Destinationen, die uns noch willkommen heissen, ohne uns vor dem ersten Drink für zwei Wochen in eine Kammer zu sperren. Spannend ist auch das Abwägen zwischen Nord und Süd. Auf den sozialen Medien sehen wir ja nicht nur strahlende Schwitzende, sondern auch traurige Schlotternde vor sturmbedingten Badeverbotstafeln am Mittelmeer. Gleichzeitig lassen uns Skandinavien-Reisende an ikeakatalogreifen Sommernächten teilhaben, die diesen Namen erstmals seit Shakespeares Traum verdient haben.

Nach etlichen Risikoanalysen haben nun auch wir gebucht. Von Euch erwarten wir eine Postkarte aus der Heimat. Bestimmt melden auch wir uns in irgendeiner Form bei Euch – und sei es zunächst nur als winkende Strohhüte aus dem Flugzeug.

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