Rutschmadame
Sehr geehrte Coronababys

Jede zweite Woche linst die Rutschmadame aus dem grenznahen Elsass in die Region Basel und schreibt ihre Beobachtungen auf. Heute: über die Generation Corona.

Martina Rutschmann
Martina Rutschmann
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Wie werden jetzt Neugeborene dereinst auf diese Zeit zurückblicken? Die Rutschmadame weiss es.

Wie werden jetzt Neugeborene dereinst auf diese Zeit zurückblicken? Die Rutschmadame weiss es.

Rafael Ben-Ari

Wenn Ihr diesen Text selber lesen könnt, werden Euch die Erwachsenen von der Pandemie erzählen, die Euch zu Coronababys gemacht hat. Sie werden sagen, alles, was damals geschah, sei reif fürs Geschichtsbuch. Die EM, werden sie Euch um die Ohren hauen, war eine Weltsensation für die Schweiz! Sie werden Euch Fotos zeigen, wie Ihr in Euren ersten Ferien mit Hut und Ganzkörperbadekleid im Sand sitzt. Der Klimawandel, werden sie Eure Aufmachung entschuldigen, als wir jung waren, war Diesel noch hip. Die Zeiten ändern sich, aber nie haben sie sich so schnell geändert wie damals, als Ihr geboren wurdet. Einiges werden die Erwachsenen vor lauter Penaltys, Impfungen und Hagel aber nicht als relevant genug erachten, um es erzählen zu müssen. Rutschmadame stopft dieses Loch für Euch.

Während sich Delta ausbreitete, stritten Basler Politiker über Kirchenglocken. Kirchen waren Häuser, in denen es immer kalt war, vielleicht standen sie darum oft leer. Deren Glocken läuteten, damit die Leute wussten, wieviel Uhr es ist. Es gab längst Uhren und iPhones, die Glocken aber hielten sich wacker.

Nach Jahrhunderten des friedlichen Nebeneinanders fühlten sich die Politiker plötzlich gestört und schafften das Gebimmel ab. Fortan wurden sie nur noch durch Lautsprecherböxli geweckt. Diese hatte das Volk zusammen mit dem Betteln erlaubt. Betteln wurde später wieder verboten, weil Bettler nicht so schön singen konnten wie Lautsprecherböxli.

Die Kirchen kümmerte das nicht, denn sie standen inzwischen immer leer: Politiker hatten Autofahrern einen Wegzoll aufgebrummt, die Folge war eine ausgestorbene Stadt. Und genau das war das Ziel der Grünliberalen, einer gefitzten Gruppe von Politikern, die die Natur genauso verehrten wie die Freiheit. Die Basler waren verzweifelt und hatten diese Partei an die Macht gehievt. Sie gab der Natur die ersehnte Freiheit zurück, liess Bäume wuchern und pflanzte neue. Es wurde eng und die Menschen verzogen sich ins Umland. Deshalb, liebe Stadtkinder, schauen Euch die Landschäftler so hässig an. Obwohl sie Roger Federer hatten, der nach dem Aus der Nati zum 100. Mal Wimbledon gewann, bevor Delta England in den ewigen Lockdown zwang. Und da wären wir wieder beim Geschichtsbuch, aber das, liebe Coronababys, kennt Ihr sicher auswendig.