Rutschmadame
Stadtplagen in den Turm!

Alle zwei Wochen linst die Rutschmadame kritisch aus dem Elsass in die Heimat. Heute wird sie polemisch, ausnahmsweise.

Martina Rutschmann
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Ignoranz funktioniert nur bei Pandemien. Menschliche Unannehmlichkeiten müssen wir mit mehr Fantasie wegschaffen.

Ignoranz funktioniert nur bei Pandemien. Menschliche Unannehmlichkeiten müssen wir mit mehr Fantasie wegschaffen.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Die Basler haben das Virus vergrault. Sie haben es ignoriert und in seinem Stolz verletzt. Was soll ich in einer Stadt, in der alle fröhlich auf Terrassen hocken und wo mich niemand fürchtet, hat sich das Virus gefragt – und die Koffer gepackt. Wenn es bloss immer so einfach wäre, lästige Dinge loszuwerden. Ignoranz funktioniert nur bei Pandemien. Menschliche Unannehmlichkeiten müssen wir mit mehr Fantasie wegschaffen. Einmal mehr hilft uns hier die Pharma. Sie hat zwar kein Medikament gegen Störenfriede, dafür Platz zum Versauen, wie wir jüngst lesen konnten: Der Roche-Konzern wisse noch nicht, ob er den dritten Turm bauen werde. Wegen des Home-Office-Trends brauche es nicht mehr so viele Büros. Uns kann wurscht sein, ob der dritte Turm kommt oder nicht, uns reichen die zwei vorhandenen Türme. Sie bieten genug Raum, um alle Stadtplagen unterzubringen. Stecken wir sie alle in die Türme, haben wir Frieden im geliebten öffentlichen Raum und zudem mehr Fläche für Beizenterrassen. Sünnele, aperöle, lachen – und das erst noch sitzend. Was will man mehr?

Fangen wir bei Fussgängern an. Ihretwegen müssen Velofahrer anhalten, umgekehrt gefährden Velofahrende das Leben aller Individuen. Aber nicht nur sie sind eine Gefahr! Joggerinnen fallen aus dem Rhythmus, wenn Kinderwagen oder Hunde den Weg kreuzen. Strassenmusiker schädigen das Gehör und Bettler das Auge. Kinder schreien, Jugendliche hinterlassen Müll, Alte besetzen die Parkbänke. Wären sie alle weg, müssten sich die Gäste der Terrassen nicht mehr über ihre Existenz ärgern und hätten erst noch mehr Tische und Stühle zur Verfügung.

Drum: Ab in den Turm! Fussgängerinnen, Velofahrende, Kinder, Alte, Hunde, Bettler, Joggerinnen – steigt in den Lift und sucht Euch eine Etage aus. Bloss: Was, wenn ein mutierter Verwandter des Virus’ den Stolz der Familie wiederherstellen will und einen neuen Anlauf startet? All die neuen Terrassen müssten schliessen und die Menschen wären unglücklich. Das lassen wir nicht zu! Dann muss das Gesindel die Türme eben wieder verlassen und in den Einzelbüros Platz für die Beizengäste machen. Zwei Personen pro Büro – Panoramablick garantiert. Die Alten, Jungen, Lauten, Lästigen und Litternden schicken wir einfach dorthin zurück, wo sie sowieso hingehören: auf die Strasse!