Schiblis Kopfsalat
Krieg und Frieden auf dem Fussballfeld

Fussballspiele als Ersatzhandlungen für Länderekriege? Der Vergleich liegt nahe, ist aber heillos naiv.

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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Die Spiele sind vorbei, die Besten haben gewonnen. Oder die mit dem meisten Glück? Darüber wird wohl nie Einigkeit herrschen. Europas Fussballnationen präsentierten sich als bunter Haufen von Temperamenten und Kulturen – allen Tendenzen zur Nivellierung der Nationalstaaten zum Trotz. Niemand protestierte gegen die Grossverdiener auf dem grünen Rasen, keine Lichterketten gegen die Vielflieger im Profifussball wurden entzündet.

Obwohl es im Mannschaftssport immer Gewinner und Verlierer gibt, brauchte es keine Friedens­verhandlungen. Das unterscheidet ein Fussballspiel von einem Krieg. Ansonsten sind die Parallelen überdeutlich: Im Fussball gibt es wie in echten Gefechten Angreifer und Verteidiger, es wird geschossen, getroffen und gelitten, man verfolgt eine Strategie und rückt in geschlossener Formation dem Gegner auf den Leib, angefeuert von Schlachtenbummlern. Nicht selten geht einer blutend vom Platz. Wie nach einem Krieg jubeln die Gewinner und heulen die Verlierer.

Die Grenze zwischen Spiel und Ernst

Man kann daher folgern, solche Turniere seien Ersatzhandlungen für echte Kriege, sie würden die menschliche Neigung zur Identifikation mit einem Land und zur Abwehr des Fremden in die geordneten Bahnen des Sportbetriebs lenken.

Wenn das nur nicht so heillos naiv wäre! In Wirklichkeit ist die Grenze zwischen Spiel und Ernst durchlässig. Historiker erinnern an den «Fussballkrieg» im Sommer 1969 zwischen El Salvador und Honduras. Ihm voraus ging ein Match zwischen den Nationalmannschaften beider Länder, den Honduras knapp gewann. Da es um die Qualifikation zur Fussball-Weltmeisterschaft 1970 ging, kochten die Emotionen hoch. Ein salvadorianisches Mädchen erschoss sich aus Enttäuschung über die Niederlage. Die Beisetzung glich einem Staatsakt mit einer Ehrengarde der Armee, dem Präsidenten und Ministern. Die unterlegene Fussballmannschaft war auch dabei.

Nach der zweiten Begegnung der beiden Mannschaften, die von El Salvador mit 3 : 0 Toren gewonnen wurde, kam es zu Scharmützeln. Die Anhänger der unterlegenen Honduraner mussten in Richtung Grenze fliehen, etliche landeten im Spital, 150 Autos gingen in Flammen auf.

Eine dritte Begegnung, die wiederum von El Salvador gewonnen wurde, führte zu Kampfhandlungen zwischen den Armeen der beiden Staaten. Am 14. Juli 1969 bombardierte El Salvadors Luftwaffe honduranische Städte. Es gab viele Tote und Verwundete, obwohl der «Fussballkrieg» nur hundert Stunden dauerte.

Es war ein Wirtschaftskrieg

Der Sport war nicht Ursache, sondern Auslöser der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den beiden lateinamerikanischen Ländern. Den politischen Hintergrund, schreibt Manfred Koch in «Brot und Spiele», bildete eine Massenflucht von 300000 Wirtschaftsflüchtlingen, die aus El Salvador nach Honduras übergesiedelt waren, bis die Regierung von Honduras die Grenze dichtmachte und die Migranten zurückschickte. Der «Fussballkrieg» war eigentlich ein Wirtschaftskrieg.

Nach der Fussball-EM sind solche Auseinandersetzungen jenseits des Spielfelds ausgeblieben, aber hypersensible Nasen riechen in den Stadien von Baku, St.Petersburg, Rom und London noch einen Hauch vom Pulverdampf.

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater und Querbeet-Leser. Er nutzt seine Zeit für die Erholung vom Nachdenken.