Schiblis Kopfsalat
Lob des Duckfehlers

Druckfehler sind in der Regel Vertipper der Autorin oder des Autors. Oder es handelt sich dabei um Verschlimmbesserungen durch die Redaktion. In vielen Fällen sind sie jedoch ein Quell der Erheiterung.

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
Drucken
Teilen

Als ich neulich mit einer ­kleinen Gruppe ehemaliger Redaktionskollegen zusammensass, liessen die üblichen Gesprächsthemen nicht lange auf sich warten: Lebt der oder jene eigentlich noch? Wie war das damals, als der Chef Knall auf Fall ausgewechselt wurde? Auch das unter älteren Menschen so beliebte Loblied auf die alten Zeiten fehlte nicht: Ja, damals hatte die Zeitung manchmal fast hundert Seiten, und heute …!

Ich wollte mich schon etwas gelangweilt abwenden, als dann doch jemand ein Thema aufwarf, das mich immer fasziniert hat und zu dem fast jeder in der Runde etwas beizutragen hatte: Druckfehler in Zeitungen. Genau genommen handelt es sich in aller Regel nicht um Fehler, die beim Drucken passieren, sondern um Schreibfehler oder um Fehler beim Redigieren oder Korrekturlesen. Oft sind es sogenannte Verschlimmbesserungen. Und die haben es manchmal in sich.

Die Sängerin mit dem gut hörbaren Vibrator

Ein Kollege von mir wollte einmal über eine Sängerin schreiben, sie habe mit deutlich hörbarem Vibrato gesungen. Zu seinem Entsetzen (und zu meiner Erheiterung) wurde daraus in der Zeitung ein Vibrator. Mir selbst passierte es einmal, dass in einer Konzertkritik der Satz stand: «Der Tenor platzte.» Natürlich hatte ich «patzte» geschrieben, aber die Schlussredaktion kannte dieses Wort offenbar nicht und glaubte es verbessern zu müssen. Ebenso, als ich einem Opernregisseur ein grosses «Gestenrepertoire» attestierte, woraus dann in der gedruckten Zeitung ein «Gespenster­repertoire» wurde.

Überhaupt die Oper! Der frühere Basler Musikkritiker Otto Maag erzählt, er habe einmal über eine beim Publikum beliebte Sängerin geschrieben, die in der Zeitung dann als «beleibte Sängerin» erschienen sei. Die Dame war verärgert und verlangte ein Korrigendum, in dem dann tatsächlich stand: «die beliebte Sägerin». Man habe, schreibt Otto Maag, auf ein weiteres Korrigendum verzichtet, in dem dann vielleicht das Wort «Säugerin» gestanden hätte.

Derselbe Kritiker hatte in der Besprechung einer Aufführung des «Deutschen Requiems» von Brahms notiert, der Komponist habe im Orchester zur Aufhellung der Stimmung viele Triolen geschrieben. Durch ein Missverständnis beim Setzen wurden daraus «Tiroler». Worauf die nächste Aufführung ein unerwartet grosser Publikumserfolg gewesen sei.

Ein fehlgeleiteter Bus

Nicht alle Verschreiber sind das, was man «freudsch’» nennt, aber hin und wieder pfuscht einem das Unbewusste beim Schreiben ins Handwerk. An eine Überschrift in einer regionalen Tageszeitung erinnere ich mich nur noch halb, dies aber umso nachdrücklicher. «Bus für Homo­sexuelle» stand da über einem Artikel, der zwar mit Bussen, aber nichts mit dieser sexuellen Orientierung zu tun hatte.

Und das kam so: Der Autor jenes Textes sollte über einen geplanten Schulbus schreiben, vertippte sich aber auf unglückliche Weise, sodass aus «Schule» das Wort «Schwule» wurde. Wiederum legte die Schlussredaktion der Zeitung Hand an, weil sie fand, man könne dieses saloppe Wort so nicht stehenlassen und müsse es durch das korrektere Wort «Homosexuelle» ersetzen.

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater und Querbeet-Leser. Er nutzt seine Zeit für die Erholung vom Nachdenken.

Aktuelle Nachrichten