Seelenfutter frei Haus

Das Literaturhaus Basel erteilt Schreibenden eine Carte blanche. Die Ergebnisse sind literarische «home deliveries».

Iris Meier
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Von Rafik Schami gibt es zwei Geschichten.

Von Rafik Schami gibt es zwei Geschichten.

Bild: Arne Wesenberg

Wenn Sie «home delivery» ­hören, denken Sie vermutlich an einen Pizza-Lieferdienst. Oder an all die anderen Möglichkeiten, sich nach den ersten ­Wochen des begeisterten Selberkochens nun doch etwas zu bestellen. Von «Fast Food» bis «Soul Food», die Liste der Angebote ist lang.

Was Ihnen das Basler Literaturhaus im eigens für die Corona­zeit kreierten Format «home delivery» ins Haus liefert, landet nicht im ­Magen, sondern geht direkt ins Herz. Auch die Seele braucht Nahrung. Um den Kontakt zum Publikum aufrechtzuerhalten sowie Autoren zu fördern, stellt das Basler Literaturhaus im wöchentlichen Rhythmus einen Text zur Verfügung, der speziell zu diesem Zweck geschrieben wurde.

Literarische Texte findet man im Internet bekanntlich wie Muscheln am Meer. Aber nicht in jeder dieser Muscheln sind solche Perlen zu finden wie in den «home-delivery»-­Texten. Weshalb lohnt es sich, sie zu lesen? Zuerst ganz oberflächlich: Sie haben einen schönen Internet­auftritt. Man klickt auf eines der bunten Quadrate und bekommt in einer angenehmen Schriftgrösse einen Text, der kurz genug ist, dass man damit durchkommt, ohne sich ein zweites Glas Wein oder Pfefferminztee einschenken zu müssen.

Berührende Erzählungen voll von Autobiografischem

Einer davon ist Wolfgang Bortliks «Durchfühlen» («home delivery#1»), der sehr persönlich ist und einem beim Lesen nahegeht. In kurzen Sätzen mixt Bortlik die klassischen Zutaten einer berührenden Erzählung. Eine Coming-of-Age-Geschichte im literarischen Präsens. Dazu im Kern der Erzählung ein wiedergefundenes Dingsymbol, das die Retrospektive begründet: eine Platte der Beatles.

Natürlich ist ein Album mit «A Hard Day’s Night» drauf mehr als ein Dingsymbol. Ein solches Lied kann eine Initiation sein, eine Erleuchtung. Bortliks Text ist auch ein Text darüber, was Musik vermag. Am stärksten wird die Kraft der Musik vielleicht in seinem Bekenntnis deutlich, dass er in der Zwischenzeit nur noch wenig Musik höre – es gehe ihm zu sehr ans Herz.

Ans Herz gehen auch die folgenden literarischen Heimlieferungen. Etwa wenn Concetto Vecchio über die so ungewohnte Stille in Rom während des Lockdowns erzählt und über das Schwinden der Hoffnung, dass alles gut ausgeht: «Die Stimmung im Land ist gekippt, niemand singt mehr auf den Balkonen die italienische Hymne.»

Ergreifend ist auch, was Klara Obermüller über ihren Aufenthalt in Venedig schreibt:«Er war eine Zäsur. Er half mir, Unwichtiges hinter mich zu lassen und mich aufs Wesentliche zu besinnen. Aber was war es, dieses ­Wesentliche?» Bei Obermüllers «home delivery#4» handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem Werk, das sie in Basel vorgestellt hätte, wäre Corona nicht dazwischen gekommen.

Auch Rafik Schami wäre zu Gast gewesen. Statt live beglückt er nun seine Fans in «home delivery#5» via Text und Videobotschaft mit zwei ­fabelhaften Geschichten. In der mündlich tradierten Erzählung richtet er sich explizit auch an Kinder, sie eignet sich gut, um mit der Familie gehört zu werden. Sie erzählt von der Angst, vom Mut und vom Meer.

Aus einem kleinen kroatischen Ort zwischen Meer und slowenischer Grenze stammt «home delivery#6»: Ivna Zic berichtet davon, wie sie das Erdbeben in Kroatien an den Ort Mali Brgud gebracht hat und wie sie die letzten sieben Wochen dort verbracht hat. Auch sie hat die Carte blanche, die das Literaturhaus den Schreibenden zur Verfügung stellt, für einen sehr persönlichen Text genutzt. Dieses autobiografische, ja beinahe private Element macht «home delivery» besonders wertvoll.

Heute erhalten Sie einen Einblick in das neue Buch von Sandra Hughes. Am 11.Mai wird der extra geschriebene Text des Lyrikers Nikola Madzirov aus Nordmazedonien versendet. Am 13.Mai steht ein Blick ins Buch von Melitta Breznik auf dem Programm. «Home deli­very» setzt auf Vielseitigkeit. Bestimmt ist für jeden Geschmack etwas dabei. Guten Appetit!

«Home Delivery» Literaturhaus Basel. www.literaturhaus-basel.ch/blog/