Mit einer überraschenden Neuigkeit wartete die Jahresmedienkonferenz der Römerstadt Augusta Raurica auf: In diesem Herbst eröffnet das Basler Antikenmuseum seine nächste grosse Sonderausstellung, diesmal über «die wahre Geschichte» der Gladiatoren.

So fehl am Platz diese Ankündigung im fernen Augst zunächst erscheint, so sensationell ist sie im wissenschaftlichen Massstab; und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Erstmals wird dort die Öffentlichkeit ein grosses Mosaik aus Augusta Raurica zu sehen bekommen, das verschiedene Darstellungen der antiken Kämpfer enthält. Zu diesem Zweck arbeiten die Baselbieter Römerstadt und das Basler Antikenmuseum zum ersten Mal überhaupt auf einer derart hohen Stufe zusammen. Schliesslich erfährt das Projekt eine zusätzliche Aufwertung, indem sich auch das renommierte Museo Archeologico Nazionale in Neapel daran beteiligt und bedeutende Stücke der Waffensammlung von Pompeji zur Verfügung stellt. Im Gegenzug darf sich das Museo Archeologico anschliessend die ganze Gladiatoren-Sonderausstellung zu sich nach Süditalien holen.

Bei der Präsentation gestern Morgen in Augst waren der Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind, dem Römerstadt-Leiter Dani Suter und dem als «Gast-Star» eingeladenen Antikenmuseum-Direktor Andrea Bignasca der Stolz und die Vorfreude deutlich anzusehen. Das Wort «historisch» wollte zwar niemand in den Mund nehmen. Insbesondere Suter betonte aber, dass diese «einzigartige Zusammenarbeit» durchaus bikantonalen Modellcharakter annehmen könnte.

«Eines frühen Morgens rief mich Andrea Bignasca an und erzählte mir von seiner Idee. Ich brauchte circa 30 Sekunden, um zuzusagen», schilderte Suter den Ursprung der Co-Produktion. Bignasca betonte seinerseits, dass «ohne das Know-how der Partner in Augusta Raurica und Neapel» sein Haus niemals etwas Derartiges hätte auf die Beine stellen können: «Beide Partner stellen uns grossartige Fundstücke zur Verfügung.» Bis zur Eröffnung am 22. September wird die Vorbereitungszeit der Sonderausstellung zwei Jahre betragen haben. Dauern wird diese bis 22. März 2020.

Ganz anders als bei Russell Crowe

Neu ist das Thema Gladiatoren nicht, aber zu Bignascas Leidwesen wird es in der öffentlichen Wahrnehmung stets auf das blutrünstige Hollywood-Spektakel à la Russell Crowe reduziert. «Wir dagegen wollen in einer echten archäologischen Ausstellung den politischen Aspekt der Gladiatoren in den Vordergrund rücken», erklärt der Basler Museumsdirektor.

Bei den Gladiatoren sei es nicht nur darum gegangen, dass sich Sklaven in der Arena gegenseitig niedermetzelten. Vielmehr wurden ihr Mut und ihre Todesverachtung bewusst öffentlich inszeniert, um die römischen Tugenden, auf denen die Macht des Reiches basierte, zu propagieren und bei Freund und Feind zu implementieren. Dafür wurde der ursprünglich als Teil eines griechischen Bestattungsrituals zu Ehren des Toten durchgeführte Zweikampf für eigene Absichten zweckentfremdet.

Prunkstück der Ausstellung wird zweifellos das 64 Quadratmeter grosse Mosaik aus einer Privatvilla in Augusta Raurica sein, das noch nie zuvor ausgestellt worden ist und zuletzt fast ein Jahr lang in einem Speziallabor der Römerstadt Avenches restauriert wurde. Auf dieses Exponat würden sich selbst die italienischen Kollegen in Neapel freuen. «Meistens kommen die berühmten Kunstwerke aus Italien zu uns. Diesmal geht es den umgekehrten Weg», betonte Bignasca.

Die üblichen Sponsoren sagten ab

Der Direktor des Basler Antikenmuseums beziffert die Gesamtkosten für die Sonderausstellung auf rund zwei Millionen Franken. Damit die Rechnung aufgeht, müssten mindestens 50 000 Personen die Ausstellung besuchen. Als Vergleich: Zur Sonderausstellung über das Schiffswrack von Antikythera 2015/16 strömten 80 000 Besucherinnen und Besucher. «Ich bin überzeugt davon, dass diese Schau eine grosse Resonanz auslösen wird», zeigte sich die Baselbieter Regierungsrätin Monica Gschwind zuversichtlich.

Etwas überraschend sei hingegen für Bignasca gewesen, dass er trotz des populären Themas und trotz intensiver Suche von den sonst üblichen Ausstellungssponsoren, namentlich von den Pharma-Konzernen und den Grossbanken, diesmal bloss Absagen erhalten habe. Um die notwendigen Summen zu ergattern, musste er stattdessen private Gönner und Stiftungen anzapfen.

Viel Neues in Augusta Raurica

Angesichts der spektakulären Enthüllung rückte beinahe in den Hintergrund, was die Römerstadt Augusta Raurica selber an Neuheiten in diesem Jahr zu bieten hat. So entspricht es der persönlichen Überzeugung der seit vergangenem Juli neu amtierenden Museumsleiterin Lilian Raselli, den über den Ruinen thronenden Landsitz Castelen in Führungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bisher stand auf dem Zugang zum einstigen Anwesen des Römerstadt-Förderers René Clavel (1886-1969) das Schild «Betreten für Unbefugte verboten». Der Kanton nutzte die 1993 mit Seminarräumen erweiterte Anlage bisher einzig für interne Zwecke.

Wenige Meter von Castelen entfernt, fällt im dichten Bespielungsplan 2019 des Römertheaters Augsta Raurica ein Programmpunkt besonders auf. Zwischen Rock-Konzerten und Poetry Slam zu Ehren Carl Spittelers wird am 15. September «der Tag der lebendigen Tradition» seine Premiere feiern. Im Zuge der Durchführung des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests 2022 soll dieser Festtag den hiesigen Vereinen und Verbänden, etwa Trachtengruppen oder Volksmusik-Formationen, eine Präsentationsmöglichkeit vor grossem Publikum bieten und bis 2023 jährlich durchgeführt werden.

Am internationalen Museumstag am 19. Mai werden zudem erstmals Workshops für Sehbehinderte und Blinde angeboten. Dies ist ein Ergebnis des vom Bundesamt für Kultur (BAK) finanzierten Projekts «Kultur inklusiv», einem von fünf gesprochenen BAK-Sonderkrediten zugunsten von Augusta Raurica.