Marco Streller hat gesagt, Manchester United habe den FC Basel trotz des 3:3 im Old Trafford im Rückspiel gleich noch einmal unterschätzt. Kann dies auch dem FC Bayern passieren?

Jupp Heynckes: Ich glaube nicht, dass Manchester Basel unterschätzt hat. Ich denke eher, dass die Mannschaft zu diesem Zeitpunkt keine gute Phase durchlaufen hat. Es war trotz der vielen Topspieler, die auf dem Rasen standen, nicht die starke United, wie man sie seit vielen Jahren kennt. Einen Gegner zu unterschätzen, dies kenne ich als ehemaliger Spieler nicht; und als Trainer habe ich es noch nie erlebt, dass eine meiner Mannschaften einmal einen Gegner unterschätzt hat. Dafür passieren im Fussball zu viele Dinge, die nicht vorhersehbar sind.

Die Frage kam auch deshalb, weil sich die Bayern im letzten Sommer in einem Spaziergang gegen den FC Zürich für die Champions League qualifiziert haben.

Was heisst Spaziergang? Da haben wir sehr konzentriert gespielt. Natürlich, als die Mannschaft im Rückspiel merkte, wie überlegen sie ist, trat sie auch entsprechend selbstbewusst auf. Aber wir wissen, dass der FC Basel ein anderes Kaliber als Zürich darstellt. Ich kenne die Mannschaft von vielen DVDs sehr gut. Sie hat einige erfahrene, aber auch ein paar hoch talentierte, junge Spieler. Dies ergibt eine gute Mischung. Wenn sich ein Team in einer Champions-League-Gruppe gegen Manchester United verdient durchsetzt, dann zeugt das von einer sehr guten Spielorganisation. Die Mannschaft harmoniert, die Spieler verstehen sich, die Körpersprache ist positiv. Für uns wird es ein harter Gang nach Basel.

Wie bewerten Sie denn den Werdegang von Basels Trainer Heiko Vogel?

Ich weiss von meinem Assistenten Hermann Gerland, dass Heiko Vogel hier bei den Bayern eine überragende Jugendarbeit geleistet hat und sehr angesehen war. Dass der FC Basel im zwischenmenschlichen Bereich so gut harmoniert, ist sicher auch ein Verdienst von Heiko Vogel. Nicht nur seine Arbeit auf dem Trainingsplatz, sondern auch, wie er seine Mannschaft führt, zeigt mir, dass der Trainer am richtigen Ort ist. Das imponiert mir. Der FC Basel hat einen sehr guten Dirigenten.

Und mit Xherdan Shaqiri einen grossartigen Spieler, der bald für die Bayern spielt.

Vor drei Wochen habe ich mir noch einmal in Ruhe die DVD Basel gegen Manchester angeschaut. Und dann habe ich den verantwortlichen Herren des FC Bayern gesagt, dass man den Jungen sofort verpflichten sollte. Shaqiri ist ein aussergewöhnliches Talent. Er ist ein Spieler, der den Unterschied ausmachen kann. Natürlich ist Bayern ein spezieller Klub mit einem wahnsinnigen Anspruchsniveau. Das wird auch er merken. Es ist alles anders hier. Aber Shaqiri ist ein forscher Spieler, der mit Intuition Fussball spielt. Das gefällt mir. Es ist nicht berechenbar in dem, was er macht. Er hat ganz viel von dem, was man braucht, um ein grosser Spieler zu werden. Aber natürlich hat er noch eine Menge Arbeit vor sich, um dahin zu kommen.

Darf er hoffen, dass Sie ihn für die Olympischen Spiele freigeben?

Die Olympischen Spiele? Darüber habe ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht.

Sie haben ihm in den Transfergesprächen sicher gesagt, er solle sich in den beiden kommenden Spielen gegen die Bayern zurückhalten.

Nein, im Gegenteil. Er hat dann von sich aus gesagt, ich solle Verständnis dafür haben, wenn er ein Törchen mache. Ich habe gesagt, das würden wir schon zu verhindern wissen. Das alles war nicht nur Flachs. Er wird gegen uns versuchen, möglichst gut zu spielen – und das ist gut so.

Fussball-Deutschland diskutiert derzeit aufgeregt Arjen Robbens Verbannung auf die Ersatzbank.

Ein ganz normaler Vorgang! Wir sind nicht gut aus den Startlöchern gekommen, und dann ist der Trainer gefordert, etwas zu ändern. Das habe ich getan und so spielen lassen, wie wir das in der Hinrunde gemacht haben. Und weil es nun Robben getroffen hat, wird natürlich darüber diskutiert. Aber in den nächsten Wochen werden es auch andere Offensivspieler sein, die pausieren. Wenn Robben in Topform ist, gibt es für mich auf dieser Position keinen Besseren. Aber beim FC Bayern sind wir zum Erfolg verdammt, da muss man auch mal unpopuläre Entscheidungen treffen.

Ist es übertrieben zu sagen, mit dem verletzungsbedingten Ausfall von Bastian Schweinsteiger fehle den Bayern gegen Basel das Herz?

Nein, Bastian ist der Kopf der Mannschaft, der Taktgeber. Er lenkt unser Spiel und ist ein ganz entscheidender Akteur. Er ist wirklich nur sehr schwer zu ersetzen.

Wie wichtig ist es für Sie eigentlich, bei Bayern noch einmal die Chance zu haben, Titel zu gewinnen?

Ich glaube nicht, dass dies mein Motiv war, ein weiteres Mal beim FC Bayern einzusteigen. Ich sehe meine Tätigkeit hier ganz relaxt. Es ist für mich eine grosse Befriedigung, wenn ich weiss, dass ich im Klub etwas bewegt habe. Natürlich kann ich nicht leugnen, dass bei Bayern ein Anspruchsniveau herrscht wie ganz selten in Europa. Aber ich habe mit Uli Hoeness und Kalle Rummenigge zusammen in der Nationalmannschaft gespielt. Ich weiss, wie die beiden ticken. Und sie wissen, wie ich bin, und das schafft Vertrauen.

Sie sind 66 Jahre alt und auffallend gelassen geworden.

Ich war als Spieler wahnsinnig ehrgeizig. Sehr professionell. Ich habe durch meine Leistung vieles erbringen können. Dies habe ich mit in den Trainerberuf genommen. Ich war manchmal zu ungeduldig, und das ist nicht gut. Ja, heute bin ich erfahrener und gelassener. Aber man darf sich in diesem Job natürlich gleichwohl nicht scheuen, unpopuläre Massnahmen zu treffen. Ich mache dies nun einfach viel ruhiger und durchdachter. Früher habe ich Spieler auch mal härter angefasst; Dinge getan, die ich heute nie mehr machen würde.

Was ist entscheidend in der täglichen Arbeit?

Man muss reden, kommunizieren, auf Menschen zugehen. Man muss als Trainer immer beobachten und die Personen sofort ansprechen, wenn ein Problem ansteht. Das führt dazu, dass Konflikte erst gar nicht hochkommen. Man muss einfach ein Gespür für die Dinge haben, die entstehen können. Man muss antizipieren. Ich sehe auch bei Heiko Vogel, dass er dies kann. Die Spieler respektieren ihn, obwohl er früher kein grosser Spieler war. Und deswegen ist es für mich auch kein Argument, dass man ein Weltklassespieler gewesen sein muss, um ein sehr guter Trainer zu werden.

Die heutige Spielergeneration unterscheidet sich sehr von jener, als Sie selber noch spielten. Wie schwer fällt es Ihnen, mit Profis umzugehen, die neben dem Platz meist Kopfhörer und Designerklamotten tragen?

Das gehört zum Zeitgeist. Das fällt mir überhaupt nicht schwer; im Gegenteil. Aber wenn ich auf dem Ergometer sitze und Musik höre, kann es vorkommen, dass ein Spieler sagt: Oh, der Alte hat ja gar keinen schlechten Geschmack. Pink Floyd, Bruce Springsteen, all die Gruppen damals, das war noch Musik.

Freut es Sie als Urmönchengladbacher eigentlich, dass der Schweizer Trainerstolz Lucien Favre bei der Borussia einen solch guten Job macht? Oder sind Sie allenfalls beunruhigt, weil er den FC Bayern im Titelrennen in Bedrängnis bringen könnte?

Ich freue mich! Ich finde es belebend für die Bundesliga. Favre hat schon in Berlin gute Arbeit geleistet. Und die Borussia ist ja mein Klub… deswegen sehe ich die Entwicklung sehr positiv. Nur, im Pokalhalbfinale werden wir das Ding wieder umdrehen.