Sinfonieorchester
Losgelöst von Traditionen – was eine Orgel ausser Gottesdienst auch noch kann

Von wegen kirchliche Musik: Improvisation, Jazz oder sogar Tanz gibt es beim Orgelfestival Basel. Und auch zur Saison des Sinfonieorchesters gab die Orgel den Auftakt.

Reinmar Wagner
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Prächtiger Blickfang: die neue Orgel im Musiksaal des Stadtcasinos.

Prächtiger Blickfang: die neue Orgel im Musiksaal des Stadtcasinos.

Lukas Howald

Basel hat nicht nur ein renoviertes und architektonisch reizvoll erweitertes Stadtcasino. Im Musiksaal prangt seit vergangenem Herbst auch eine brandneue Orgel. Hinter dem denkmalgeschützten Prospekt stecken 56 Register mit 4000 Pfeifen. Schon zur Einweihung im September 2020 haben einige der besten Organisten der Welt die Möglichkeiten des neuen Instruments eindrücklich hörbar gemacht, und unter der Ägide der beiden Organisten Babette Mondry und Thilo Muster hat ein neu gegründetes Orgelfestival weiter dazu beigetragen, das Instrument populärer zu machen – und ein wenig zu lösen aus dem Kontext der kirchlichen Musik.

Das Festival findet nun in der kommenden Woche (5.–12.9.) zum zweiten Mal statt, und noch mehr als beim ersten Mal zeichnen sich die Programmideen durch Experimentierfreude und ungewohnte Kombinationen mit anderen Kunstformen aus. Noch am stärksten feiert das Eröffnungskonzert am Sonntag die traditionelle Rolle der Orgel als klangmächtige Begleiterin von Chorsängern. Zur Aufführung kommt das Auftragswerk an den lettischen Komponisten Peteris Vasks, das letzten Herbst den Coronarestriktionen zum Opfer fiel. Man hat vier Chöre aus der Region versammelt, um den Ruf «Veni Domine» klangmächtig erschallen zu lassen.

Daneben steht auch Musik von weiteren Komponisten an, etwa von Lili Boulanger oder Joseph Rheinberger, der Fokus des Programms aber liegt auf Musik aus Lettland. Das hat seinen besonderen Grund: Die alte Orgel im Stadtcasino war nicht etwa marode, sondern bloss etwas aus der Mode gekommen. Man verschenkte sie an eine Kirche in der lettischen Stadt Daugavpils.

Improvisations-Pingpong

Dann ist aber vorbei mit Gottesdienst: Am Montag lassen sich der britische Jazz-Musiker Kit Downes auf Klavier und Orgel und der schwedische Organist Gunnar Idenstam zusammen mit dem Perkussionskünstler Pierre Favre auf eine Improvisationsnacht ein. Auch tanzen kann man zu Orgelmusik, jedenfalls wenn der Franzose Jean-Baptiste Dupont seine virtuosen Arrangements von Strawinskys «Petruschka» spielt. Die Tänzerin Andrea Tortosa Vidal hat eine Choreografie dazu entwickelt. Und gemeinsam wagen die beiden eine Doppel-Improvisation für Orgel und Tanz. Auch «Peter und der Wolf» von Prokofjew passt zur Orgel. Das zeigt das Kindermitmachkonzert mit dem Kammerorchester Basel, der Pumpernickel-Company und Orgelschülern aus der Region am 12. September, ein Projekt übrigens, das am 8. November zum Abschluss der Workshop-Reihe noch einmal auf die Stadtcasino-Bühne kommen wird.

Die Stadtcasino-Orgel hatte auch schon am vergangenen Mittwoch im Eröffnungskonzert des Sinfonieorchesters Basel eine wichtige Rolle gespielt: Rudolf Lutz, versierter Improvisator auf der Orgel, begrüsste das Publikum im dank Zertifikatspflicht wieder vollen Saal mit einem vergnüglichen Potpourri über Schweizer und andere Melodien, in dem er virtuos die vielseitigen klanglichen Möglichkeiten des Instruments ins Feld führte. Und mit der venezolanischen Pianistin Gabriela Montero war eine Musikerin zu Gast, die ihrerseits das Improvisieren als Markenzeichen pflegt. In ihrem Mozart-Konzert (c-Moll, K491) hielt sie sich ausser in den zirzensischen Kadenzen zwar mit durchaus passenden und reizvollen Interpretationsideen an die Partitur, aber anschliessend improvisierte sie sowohl über Vorschläge aus dem Publikum wie im Pingpong mit Rudolf Lutz über Mozart – eine assoziative Reise, die schon ein paar Takte später völlig andere musikalische Weltgegenden auskundschaftete.

Auch der ungarische Komponist Péter Eötvös liess sich in seinem Orchesterstück «Da Capo» von Mozart zu eigenen Gedankten beflügeln: Eine ungemein quirlige, abwechslungsreiche Musik, sehr theatralisch, voller Farben und witzigen Anspielungen, die bei den Musikern des Orchesters bisweilen fast schon übermütige Spielfreude auslöste. Disziplinierter gaben sie sich im Mozart-Konzert, dem sie unter der elastischen und rhetorisch wachen Leitung ihres Chefdirigenten Ivor Bolton mit historisch informiertem Spiel eine passende Klanglichkeit gaben. Insbesondere die Holzbläser brillierten nicht nur im kammermusikalischen Mittelsatz von Mozart, sondern auch in der abschliessenden dritten Sinfonie von Brahms, die Bolton wiederum zügig und ausdrucksvoll, mit viel Sinn für die dramatischen Kontraste leitete.

Orgelfestival Basel. Stadtcasino Basel.
So, 5., Mo, 6., Do, 9. und 12. September sowie Mo, 8. November. www.ofsb.ch

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