Tag 5: Heimspiel für Chefdirigent Ivor Bolton

Für Ivor Bolton, Chefdirigent des Basler Sinfonieorchesters, ist der Auftritt in Manchester etwas ganz Besonderes. Der Brite ist in Blackburn aufgewachsen, rund 30 Kilometer nördlich von Manchester. Im Interview erzählt er, dass auch einige seiner Verwandten das Konzert am Abend besuchen werden. Bolton nimmt sein Heimspiel zum Anlass, das ganze Orchester nach dem Konzert in ein chinesisches Restaurant einzuladen und mit allen den erspielten Erfolg zu feiern.

  

Tag 4: Was bei Sol Gabetta gegen das Reisen im Auto spricht

  

Tag 3: Was assoziiert das Orchester mit Grossbritannien?

Tag 2: Das Fagott liebt das Touren

Tag 1: Die Tücken des Transports

Böse Überraschungen: Die filmreifen Momente von Auslandtourneen

Ab nach England: Yannick Studer beim Verlad der Musikinstrumente des Sinfonieorchesters Basel.

Ab nach England: Yannick Studer beim Verlad der Musikinstrumente des Sinfonieorchesters Basel.

Schon Monate vor der Grossbritannien-Tour reiste Yannick Studer zusammen mit Patric Straumann, dem Leiter Orchestertechnik, nach England und Schottland, um sich von allen Spielorten ein Bild zu machen. «Das ist nötig, weil man bei einer solchen Tournee keine bösen Überraschungen erleben möchte», sagt er und erinnert an eine England-Reise vor vier Jahren.

Damals zahlte das Orchester Lehrgeld, als es in Vollbesetzung – fast 100 Musikerinnen und Musiker – Strawinskys «Sacre du printemps» ins Königreich überführte. Bei der Ankunft in Cheltenham stellte man fest, dass die Bühne zu klein war. Kleiner, als der Veranstalter angegeben hatte. «Dabei hatte uns dieser versichert, dass so grosse Produktionen schon hier stattgefunden hatten – das konnte aber nicht stimmen», sagt Studer. Kurz vor dem Konzert musste die Basler Tourleitung improvisieren: Sie sperrte ein Drittel des Zuschauerraums, damit das Orchester Platz hatte und Strawinsky spielen konnte.

Nach diesem Erlebnis stand für das Sinfonieorchester Basel fest, dass es nie mehr ohne vorgängige Besichtigungen auf Tour gehen werde. Zu gross dieser Tross, zu gross alle Herausforderungen, die eine Auslandreise mit sich bringt. Und zu unberechenbar sind die Vorkommnisse. Etwa bei der ersten grossen Tournee vor fünf Jahren: Konzerte in St. Petersburg und Moskau standen auf dem Programm.

Filmreife Russland-Reise

Schon vor der Abreise wurde es knifflig: Moritz Suters Fluggesellschaft Hello sagte Adieu und groundete, Tage vor dem Abflug, die Maschine war schon bezahlt. Nur dank der Hilfe des Basler Regierungsrats konnte eine Ersatzmaschine gebucht werden. Gleichzeitig musste der Lastwagenfahrer, der die Instrumente transportierte, Schmiergeld zahlen, um die Grenze zu Litauen passieren. Und auf einer Teilstrecke brauchte es Begleitschutz durch private Securityfahrzeuge, um sich vor einem Überfall durch Banden zu schützen. «Das Bestechungsgeld, die paar Hundert Dollar, waren vernachlässigbar, wenn man an das Desaster denkt, das ein Verlust bereitet hätte», sagt Studer pragmatisch.

Damit nicht genug: Nach dem Konzert in St. Petersburg strandete das Orchester auf dem Flughafen: Weil der Regierungschef Dimitri Medwedew notlandete, wurde der gesamte Sektor abgeriegelt. Erst mit dreistündiger Verspätung landete das Basler Orchester in Moskau. Zum Glück hatte ihr Solist den Zug genommen und das Publikum bei Laune gehalten: mit Geschichten und mit Musikstücken. Die Zuschauer im Tschaikowski-Konservatorium harrten höflich aus, bis die Basler eintrafen und in ihren Alltagskleidern spielten. «Die Russland-Tournee hat uns gut geeicht», sagt Yannick Studer und lächelt. Gut geeicht ist ein Understatement. Was das Orchester vor fünf Jahren erlebte, war filmreif.

Auch Schreckmomente gehören dazu: Einmal hatte ein Musiker Herzprobleme. Ein andermal liess einer sein Instrument im Reisebus liegen.

Schreckmoment in Seoul

Unvergesslich auch, wie Tourneeleiter Studer vor der Asientour 2015 erfuhr, dass alle Instrumente wegen eines Streiks in einer Frankfurter Frachthalle liegengeblieben waren. Ob die Musikinstrumente noch rechtzeitig zum Konzert in Peking ankommen würden? Völlig ungewiss. «Das sind schon Momente, in denen man sich nicht aufs Inflight Entertainment konzentrieren kann», sagt Yannick Studer mit trockenem Humor. Dass dann später, am Flughafen in Seoul, noch eine Transportkiste beschädigt wurde und ein kostspieliger Kontrabass Totalschaden erlitt, machte die Sache nicht entspannter.

Überhaupt: die Instrumente. Während Sie das lesen, rollt ein Camion durch Frankreich, passiert den Ärmelkanal. Nicht nur Kesselpauken und Harfen sind darin untergebracht, auch Stühle und Notenpulte. «Nicht jeder Konzertsaal in England stellt solche zur Verfügung», weiss Studer.

Sogar die Fräcke der Musiker werden in Flight Cases transportiert. Der Lastwagen ist klimatisiert, damit die Instrumente keinen Temperaturschwankungen ausgesetzt sind.

Immerhin ist hier ein Warenwert in Höhe von mehreren Millionen Franken on the road. Darunter unersetzbare Sammlerstücke: Manche Streicher etwa spielen Leihgaben von Sammlern – Violinen oder Celli, die einen Millionenbetrag kosten würden. Einige Geigenbögen haben einen Wert im sechsstelligen Bereich. Entsprechend aufwendig sind die Versicherungsfragen und Zollabfertigungen. Nur ein Detail: Weil in alten Instrumenten mitunter Hölzer verbaut sind, die heute geschützt sind, muss alles en Detail abgeklärt, erfasst und beim Bund deklariert werden, damit das Land regelkonform verlassen und wieder betreten werden kann.

Hinzu kommen die Visa: Das Sinfonieorchester Basel ist mit 70 bis 100 Menschen aus 15 Nationen auf Tour.

Allein für China erstreckten sich die Abklärungen für Einreise und Arbeitserlaubnis über Monate, «das Visum des Solisten erhielten wir erst einen Tag vor Abflug. Wir wussten also lange nicht, ob wir überhaupt unser Programm wie geplant aufführen konnten und alles klappte nur dank dem enormen Einsatz der Tourneebegleiterin Frieda Müller», sagt Studer. Das ging an die Substanz. Und an die Gesundheit.

Angesichts der stressigen Vergangenheit, blickt Studer entspannt Richtung England. Zum dritten Mal reist das Orchester ins Vereinigte Königreich, die Heimat des Chefdirigenten Ivor Bolton. Die Sprachbarrieren sind klein. Und der Erfahrungsschatz immer grösser.