Somm verliert den Stellvertreter

© Solothurner Zeitung

Mit dem Abgang der Nummer zwei fehlt der «BaZ» fortan eine linke Identifikationsfigur. Eklat bei der «Basler Zeitung»: Der stellvertretende Chefredaktor Urs Buess hat gekündigt

Noch ist die Redaktion der «Basler Zeitung» über die Kündigung nicht informiert worden. Dem Vernehmen nach will Chefredaktor Markus Somm seine Mitarbeiter am Montag ins Bild setzen.

Der Entscheid von Buess – der sich gegenüber dem «Sonntag» nicht äussern wollte – scheint definitiv zu sein. Ausschlaggebend war nicht ein einzelner Vorfall, sondern schleichend zunehmender Leidensdruck. Und vor allem die Tatsache, dass mit Ausnahme von Somm niemand auf der Redaktion weiss, wer die wahren Eigentümer des Blattes sind. Für Buess offenbar ein unhaltbarer Zustand.

Zum Abgang beigetragen hat wahrscheinlich auch eine Aussprache, die am vergangenen Montag stattgefunden hat. Nach der jüngsten Kündigungswelle, der acht Redaktorinnen und Redaktoren zum Opfer gefallen waren, hatte die Redaktionskommission ein Gespräch mit Moritz Suter verlangt, der als offizieller «BaZ»-Eigentümer firmiert. Wie mehrere Teilnehmer dem «Sonntag» bestätigten, fiel diese Aussprache «ernüchternd» aus. Suter habe «in Papi-Manier» – so ein Anwesender – «Durchhalteparolen gedroschen». Und er liess keinen Zweifel daran, dass er mit der Arbeit von Markus Somm zufrieden sei und es also keinen Grund für einen Wechsel gebe.

Einzig bei der Einschätzung des hoch bezahlten Kolumnisten Max Frenkel, dessen Provokationen regelmässig zu Abo-Kündigungen führen, scheinen Suter und Somm unterschiedliche Positionen zu vertreten. Während der Chefredaktor den Kolumnisten durch alle Böden verteidigt, mag sich Suter an dessen Texten nicht sonderlich ergötzen. Ein eigentliches Eigentor schoss Suter, als er die Befürworter einer AKW-Stilllegung unter den anwesenden Redaktoren aufforderte, sich per Handaufhalten zu melden. Das Ergebnis hätte eindeutiger nicht sein können. Gegen die Atomkraft, selbstverständlich.

Die Kündigung seines Stellvertreters Buess kommt dem Chefredaktor ziemlich ungelegen. Er scheint vom Entscheid des 58-jährigen Top-Journalisten völlig überrumpelt worden zu sein. Urs Buess hat auf der Redaktion grossen Rückhalt, er gilt als deren Gewissen. Zudem deckte Buess publizistisch die «linke Flanke» ab. Das ist nicht ganz unwichtig für eine Zeitung, deren Leserschaft eher dem links-grünen als dem rechtsbürgerlichen Lager zuzurechnen ist.

Buess war in den letzten sieben Jahren in leitender Funktion bei der «BaZ» tätig. Zuvor war er Mitglied der «Tages-Anzeiger»-Chefredaktion gewesen. Die journalistische Laufbahn des Baselbieters begann 1983 – bei der «Basler Zeitung». Im Sommer 2010 wäre die Karriere von
Buess beinahe gekrönt worden: Er und Jürg Lehmann waren als Co-Chefredaktoren der «BaZ» vorgesehen. Der damalige Eigentümer Tito Tettamanti löste den bereits unterschriebenen Vertrag in letzter Minute wieder auf und verpflichtete stattdessen Markus Somm.

Jürg Lehmann, der bei der «Basler Zeitung» fünf Jahre mit Urs Buess als Blattmacher zusammengearbeitet hatte, sagt, dass Buess für viele, die an der alten «BaZ» festhalten wollten, «ein Orientierungspunkt» gewesen sei. Sein Abgang werde sich in der Zeitung bestimmt bemerkbar machen. «Ich habe ihn immer als sehr kooperativ, solidarisch und loyal erlebt», so Lehmann. «Wir sind uns politisch nahegestanden, wobei Buess sicher etwas linkere Positionen vertritt als ich. Indem wir als Zeitungsmacher unterschiedliche Akzente setzten, haben wir uns ideal ergänzt.»

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