Stadtentwicklung
Krisenresistentes Basel? «Die Pandemie ist ein Problem für den öffentlichen Raum»

Covid, Klimawandel und Wohndruck: Architekt Lukas Gruntz über die Herausforderungen, denen sich Basel-Stadt stellen muss.

Interview Hannes Nüsseler
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«Den Messe-Neubau braucht es in dieser Form nicht mehr», findet der Architekt Lukas Gruntz.

«Den Messe-Neubau braucht es in dieser Form nicht mehr», findet der Architekt Lukas Gruntz.

Roland Schmid

Wie verändert sich Basel unter dem Eindruck anhaltender Krisen, und kann uns die Smart City retten? Lukas Gruntz, Mitinhaber des Büros Atelier Atlas Architektur an der Clarastrasse, begleitet mit dem Onlinemagazin architekturbasel.ch das «überdurchschnittliche Bewusstsein für Baukultur in Basel» und nimmt eine kritische Einschätzung vor.

Hitzefallen im Sommer, Virenschleudern im Winter – haben Städte noch eine Berechtigung?

Lukas Gruntz: Städte haben als Lebens- und Arbeitsräume sicher nicht ausgedient. Es gibt immer extreme Beispiele, aber hier in der Schweiz mit unseren verhältnismässig kleinen Stadtstrukturen mit viel Grünraum haben wir dieses Problem nicht.

Städte im Lockdown sind doch wohl kaum lebenswert?

Sicher, die Pandemie ist ein Problem für den öffentlichen Raum. Das hat Spuren hinterlassen, die Bilder von der menschenleeren Freien Strasse sind nicht schön. Es hat auch zur Folge, dass die Vielfalt noch mehr unter Druck gerät: Internationale Ketten, die man in jeder Stadt an jedem Flughafen trifft, sind keine Qualität. Und wir haben gemerkt, dass das Arbeiten im Hochhaus keine ideale architektonische Typologie ist – die Schwachstelle sind dabei die Lifte. Mit dem Homeoffice haben wir neue räumliche Optionen für das Arbeiten entdeckt.

Also keine Hochhäuser mehr für Basel?

Ich glaube nicht, dass der Claraturm oder die Rochebauten die letzten Hochhäuser sind, die in Basel gebaut werden. Solange wir wirtschaftlich wachsen, müssen wir die gut erschlossenen Gebiete weiter verdichten, und dabei ist das Hochhaus ein räumlich effizientes Mittel.

Macht bauliche Verdichtung vor dem Hintergrund einer Pandemie überhaupt Sinn?

Verdichtung bringt die Möglichkeit von verstärkter sozialer Interaktion mit sich. Das schätze ich als Stadtmensch. Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war die Tuberkulose in den Städten ein beherrschendes Thema. Dafür verantwortlich gemacht wurde eine schlechte Wohnhygiene mit zu wenig Licht und Luft. Die moderne Architektur reagierte darauf mit einer Nutzungsentflechtung: Es entstanden auf der einen Seite reine Wohnviertel, Häuser mit viel Abstand, auf der anderen Seite emissionsreiche Viertel, wo gearbeitet und produziert wurde. Diese Mononutzungen verband der motorisierte Verkehr. Dadurch entstanden aber keine lebenswerten Städte. Ich denke beispielsweise an die gesellschaftlichen und sozialpolitischen Probleme der Grand ensembles in Frankreich.

Die Städte leiden unter dem Verkehr. Was lässt sich dagegen unternehmen?

Am besten wäre es, wenn die Menschen nicht mehr pendeln müssten. Das Problem ist, dass in der Stadt im Verhältnis zu den Arbeitsplätzen viel zu wenig bezahlbarer Wohnraum entsteht. Da haben wir Nachholbedarf. Ziel müsste es sein, dass alle in einem guten Umfeld leben und mit dem Velo zur Arbeit fahren können. Das wäre ökologisch und sozial sinnvoll.

Was halten Sie davon, dass der Stadtkanton Parkings unterstützt, etwa unter der Tschudimatte oder dem Landhof?

Grünflächen zu untergraben halte ich überhaupt nicht für sinnvoll. Für jene, die in der Agglo wohnen möchten oder müssen, sollten im Idealfall unterirdische Parkplätze im Zusammenhang mit Neubauten geschaffen werden, wo ohnehin grosse Aushubarbeiten stattfinden. Eine andere Möglichkeit sind Park-and-ride-Systeme, wobei die Anbindung an den ÖV wirklich top sein muss. Sonst bekommt man Autofahrende nicht dazu, auf den letzten Metern noch in einen Bus oder ein Tram umzusteigen.

Zur epidemiologischen und ökologischen Krise kommt also der Wohndruck?

Was mir auf dem Magen liegt und auf seine Weise eine Krise ist, das ist die Bodenfrage mit den explodierenden Preisen. Das hat mit dem Kapitalmarkt, billigem Geld und der verzweifelten Suche nach Anlagemöglichkeiten zu tun. Mit direkten Folgen für unsere Stadt, denn je höher die Bodenpreise, desto höher die Rendite, die erwirtschaftet werden muss. Das schafft einen Nutzungs- und Verdrängungsdruck, der insofern kritisch ist, da die Bodenpreise in keinem Zusammenhang mehr zum Wirtschaftswachstum oder der realen Kaufkraft stehen.

FHNW thematisiert die Klimakrise

«Die aktuelle Pandemie führt uns am eigenen Leib vor Augen, wie stark unsere Lebensart durch ein Ereignis beeinträchtigt werden kann», heisst es im aktuellen Semesterprogramm des Instituts Architektur der FHNW zum Thema «Stadtwohnen». Setzt sich Covid aktuell auch im Curriculum der Fachhochschule fest? Axel Schubert, seit letztem Jahr Dozent für Nachhaltigkeit an der FHNW, relativiert. Natürlich unterrichte man zurzeit coronakonform, Exkursions- oder Raumbelegungspläne würden entsprechend angepasst.

Axel Schubert, Dozent Nachhaltigkeit FHNW.

Axel Schubert, Dozent Nachhaltigkeit FHNW.

zVg

Anders sieht es hingegen in Bezug auf Klimakrise und Wohndruck aus. «Nachhaltigkeit hat an der FHNW einen hohen Stellenwert», betont Schubert, auch wenn es über die verschiedenen Disziplinen betrachtet kein einheitliches Verständnis davon gebe. «Speziell an der Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik nehmen Fragen der Gestaltung von Gesellschaft und Zukunft einen zentralen Stellenwert ein», so Schubert. Neben Wissen zu ökologischen Bauweisen, zu Fragen der Stadt oder neuen Wohnformen würden unterschiedliche Denkzugänge vermittelt. Im letzten Herbstsemester wurde Nachhaltigkeit durch zwei neue Vorlesungsreihen verstärkt, um die drängende Frage der Klimakrise zu behandeln. Erörtert werden Themen wie stadtgerechte Mobilität, Governance und Partizipation, urbane Landwirtschaft oder nachhaltige Arealentwicklung.

«Mit der Erweiterung des Angebots sind wir überzeugt, dass die Lehre am Institut Architektur noch weiter profiliert wurde, um Studierende auszubilden, die ihrer hohen gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden können», sagt Schubert. Um nachhaltiges Bauen in Basel zu ermöglichen, brauche es nebst geeigneter rechtlicher Vorgaben und der Abschaffung ökonomischer Fehlanreize vor allem auch ein angemessenes Bewusstsein um die Dringlichkeit der Klimakrise: «Dieses Bewusstsein ist noch in keiner Weise in der gesellschaftlichen Breite vorhanden», erklärt Schubert. «Weder in Politik, noch in Wirtschaft, Zivilgesellschaft oder in den Medien.» (nü)

Wie können wir damit umgehen?

Ich finde, in einer Demokratie müsste die Bevölkerung die Hoheit über die Bodenfrage behalten. Eine Möglichkeit besteht darin, dass der Kanton möglichst viel Land aufkauft – was aber den Druck auf diejenigen Parzellen erhöht, die auf den Markt kommen. Richtig gefährlich wird es, wenn Immobilien nur noch als Wertanlagen gekauft werden, um Geld zu parkieren und auf die Wertsteigerung des Bodens zu spekulieren; wenn es also keine Rolle mehr spielt, ob überhaupt vermietet wird. Manche Leute werden es sich irgendwann nicht mehr leisten können, in der Stadt zu leben. Das führt zur sozialen Entmischung.

Hat es der Kanton vermasselt?

Der Kanton hat es in der Bodenpolitik schlecht gemacht: Ein Areal wie das Klybeck hätte er unbedingt kaufen müssen. Die Pandemie hat ja jetzt gezeigt, was für immense Finanzierungen kurzfristig möglich sind. Das ist eine verpasste Chance. Es ist wichtig, dass die Allgemeinheit solch strategisch wichtiges Land besitzt, um demokratisch Einfluss nehmen zu können. Das ist bei privaten Investoren schwierig bis unmöglich.

Was passiert, wenn das Mitspracherecht fehlt?

Das Problem ist oft, dass die öffentliche Diskussion über Städtebau oder Architektur erst auf den letzten Metern des Marathons stattfindet, wie beim Meret-Oppenheim-Hochhaus geschehen. Dann bringt eine Debatte nichts mehr. Das hat auch mit der speziellen Situation des Stadtkantons und den politisch engen Grenzen zu tun. Dazu kommen zwei Pharmakonzerne, die wirtschaftlich «too big to fail» sind. Wir sind von ihnen abhängig und müssen politisch dafür sorgen, dass es ihnen gut geht. Das ist eine grosse Herausforderung für eine demokratische Kultur.

Mit welchem Ergebnis?

Nehmen wir die Messe. Vor der Abstimmung über den Neubau hiess es, ein Nein würde ihr Ende bedeuten – friss oder stirb. Die Ironie der Geschichte ist, dass die Messe ein knappes Jahrzehnt später gefühlt trotzdem vor dem Aus steht. Den Neubau braucht es in dieser Form nicht mehr. Das ist demokratietechnisch problematisch. Wir müssen langfristig planen und darüber nachdenken, was Architektur für die Bewohner einer Stadt, die gewachsenen Quartierstrukturen und Nachbarschaften bedeutet.

Bringen neuere Bauprojekte Basel aus dem Konzept?

Mit dem Messeneubau fand 2013 ein Massstabssprung statt. Kurz darauf folgte der Roche Bau 1, heute haben wir das Meret-Oppenheim-Hochhaus, das Baloise-Hochhaus oder den Biozentrum-Neubau. Das bringt eine neue Massstabsebene in die Stadt und muss diskutiert werden.

In welche Richtung entwickelt sich die Architektur?

Wir sind an einem spannenden Punkt. Es gibt verschiedene Haltungen, in denen sich vermehrt ökologische Überlegungen widerspiegeln. Das beinhaltet etwa das Recycling von Bauteilen, das Denken in wirtschaftlichen Kreisläufen. Wichtig ist, dass die Bauherrschaften bereit sind, sich für gute Architektur einzusetzen. Die aus China importierte Fassade des Claraturms ist als Negativbeispiel weder ökologisch, noch wirft sie ein gutes Licht auf unsere Baukultur.

Sieht man einem Gebäude an, ob es mit guten Absichten gebaut wird?

So pauschal lässt sich das sicher nicht sagen. Es gibt das oft zitierte Beispiel Erlenmatt. Auf der westlichen Seite seien die «bösen» Investoren, auf der östlichen die «gute» Stiftung Habitat. Bei einigen Häusern kann man durchaus erkennen, dass eine andere Leidenschaft dahintersteckt, bei anderen wiederum ist die «böse» Seite architektonisch interessanter.

Zurück zu den Krisen. Wie ist Basel für die Zukunft gewappnet?

Was den Klimawandel betrifft, so ist die Altstadt mit ihrer kompakten und massiven Bauweise nicht so schlecht gerüstet. Was den Umgang mit Hitzesommern angeht, kann man sich das Beispiel von marokkanischen oder italienischen Städten anschauen, die oft viel dichter bebaut sind. Da muss mit verschatteten Innenhöfen und cleveren Belüftungssystemen gearbeitet werden, die Häuser brauchen grössere Speichermassen.

Und wie steht es mit den Seuchen?

Die Pandemie hat gezeigt, dass Aussenräume wie Balkone, Gärten oder Höfe sehr wichtig sind und ein grosses Potenzial haben. Gerade Innenhöfe bei Blockrandstrukturen sollten grüner sein und stärker gemeinschaftlich genutzt werden. Auch die öffentlichen Grünräume und Parks sind extrem wichtig, wir müssen grosse Sorge zu ihnen tragen. Bei Transformationsarealen muss besonders darauf geachtet werden, dass solche Räume geschaffen werden.

Apropos Transformation: Welche Hilfestellung leistet die Smart City?

Ehrlich gesagt kann ich mir unter dem Label Smart City nichts Genaues vorstellen. Wir sind ja schon alle smart dank unserer Phones. Die digitalen Strukturen existieren also, aber was das baulich bedeutet, ist mir unklar. Vielleicht wird ein dichteres Wohnen möglich, weil wir uns datentechnisch besser organisieren.

Aber?

Aber eigentlich ist die Blockrandbebauung der Gründerzeit wie im St.Johann, Matthäus oder Gundeli schon seit über 100 Jahren smart. Das ist für mich ein intelligenter Städtebau, der auf verschiedenen Ebenen wirklich funktioniert. Er kann sich adaptieren, ist nutzungsoffen, gut durchmischt und verdichtet. Wie die Smart City zur Überwindung der Klimakrise beitragen soll, ist mir dagegen unklar: Technologie verbraucht in der Tendenz ja immer Ressourcen. Ich glaube, eine Stadt mit guter Durchmischung, genügend Grün und kurzen Wegen ist zielführender.

Wo wird in Basel derzeit zukunftsträchtig gebaut?

Es fällt mir schwer, idealtypische Architektur zu benennen. Die geplante Bebauung der Stiftung Habitat auf dem Lysbüchel, welche die Blockrandbebauung aus der Gründerzeit neu interpretiert und bewusst eine kleinteilige Grundeigentümerstruktur vorschlägt, ist spannend. Heute werden Grundstücke in der Regel an wenige grosse Investoren vergeben. Auf dem Lysbüchel entstehen kleine Parzellen und Eigentümerschaften, die sich verantwortlich fühlen für den Ort. Ich wüsste nicht, wo in der Schweiz momentan ein ähnliches Experiment gewagt würde.

Und sonst?

Die guten alten Baumgartnerhäuser haben für mich immer noch Gültigkeit: Sie überzeugen auf der Ebene des Wohnungsgrundrisses, aber auch städtebaulich. Das zeigt, dass man nicht immer superinnovativ sein muss, auch das vermeintlich Biedere kann sich als langlebig und zukunftsfähig erweisen. Diese Häuser leisten nach wie vor einen wichtigen Beitrag für die Stadt, von ihrer Grundhaltung können wir uns eine Scheibe abschneiden.