Strafgericht
Mit der Ex eines Patienten angebandelt: Geldstrafe für zwangspensionierten Baselbieter Psychiater

Ein 71-jähriger Psychiater aus dem Baselbiet bandelte mit der Ex-Partnerin eines traumatisierten Patienten an und plauderte Details aus dessen Therapie aus. Einer anderen Frau beschaffte er 1300 Tabletten Xanax.

Patrick Rudin
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Die von den Krankenkassen mit insgesamt 1400 Franken finanzierten Medikamente wurden grösstenteils auf der Gasse weiterverkauft.

Die von den Krankenkassen mit insgesamt 1400 Franken finanzierten Medikamente wurden grösstenteils auf der Gasse weiterverkauft.


bernanamoglu - Fotolia

Die beiden Männer gingen gemeinsam einen langen Weg: Rund sieben Jahre lang behandelte der heute 71-jährige Psychiater aus dem Baselbiet einen Klienten wegen frühkindlicher Traumatisierungen. Im Sommer 2016 gab es einen Bruch: Der Patient fühlte sich hintergangen. Seine frühere Partnerin hatte er früher zweimal zur Therapiesitzung mitgebracht, und als die Beziehung auseinander ging, bandelte der Psychiater schliesslich mit der Ex an: Zuerst über Social Media, dann gab es persönliche Treffen und Geschenke. Seinem Patienten erzählte er davon aber nichts.

Etwas zu mitteilsam hingegen verhielt sich der Psychiater zur Frau
selber: «Du hast so Ähnlichkeiten mit xy, fiel mir neulich in der Therapie auf, wo Du Thema Nummer 1 bist. Du bist Tochter von Beruf, xy Sohn von Beruf», schrieb er ihr auf einer Postkarte. Anstelle von xy verwendete er aber die Initialen des Patienten. Als der Mann davon erfuhr fühlte er sich nicht nur zutiefst verletzt, sondern machte durch die Indiskretionen seines Psychiaters auch eine Retraumatisierung geltend.

Rezepte für 1300 Tabletten Xanax ausgestellt

«Ich habe Sachen gemacht, die ich heute nicht mehr machen würde», meinte der 71-Jährige diese Woche im Strafjustizzentrum in Muttenz reumütig. «Wie kamen Sie überhaupt dazu, mit der Frau in Kontakt zu treten?», fragte Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli. Der 71-Jährige antwortete kleinlaut:

«Das hätte ich nicht machen sollen, das ist mir schon klar. Aus heutiger Sicht fasse ich mir an den Kopf, dass ich so etwas gemacht habe.»

Als Psychiater ist er inzwischen nicht mehr tätig, der Kanton hat ihm die Praxisbewilligung entzogen.

Nebst den Indiskretionen trugen auch weitere Dummheiten dazu bei: Der Mann hatte eine andere Frau zuerst mit Geld unterstützt, danach stellte er ihr innerhalb von zehn Monaten Rezepte für insgesamt 1300 Tabletten des Benzodiazepins Xanax aus. Wegen der Suchtgefahr untersteht das Medikament auch dem Betäubungsmittelgesetz. Im selben Zeitraum gab es von ihm auch Rezepte für knapp 100 Fläschchen codeinhaltigen Hustensirup. Untersucht hatte der 71-Jährige die Frau nie. Gegenüber der Staatsanwaltschaft hatte die Frau ihn später als ihren «Sugar-Daddy»
bezeichnet. Die von den Krankenkassen mit insgesamt 1400 Franken finanzierten Medikamente wurden grösstenteils auf der Gasse weiterverkauft.

Von fahrlässiger Körperverletzung freigesprochen

Der 71-Jährige war inzwischen selber in stationärer Behandlung, leidet an Panikattacken und ist tablettenabhängig. Auch wegen seiner angeschlagenen Gesundheit und weil er künftig nicht mehr als Psychiater arbeiten kann, beliess es die Einzelrichterin am Mittwoch bei einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 270 Franken. Der Mann muss allerdings die Verfahrenskosten von rund 30'000 Franken übernehmen.

Die Kosten waren auch wegen eines Gutachtens so hoch, und im Hauptpunkt der Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung gab es am Mittwoch vor allem aus rechtlichen Gründen einen Freispruch: Staatsanwältin Ludovica Del Giudice hatte zwar eine höhere Freiheitsstrafe von neun Monaten gefordert, sah aber den Tatbestand der fahrlässigen schweren Körperverletzung als nicht gegeben.

Opferanwalt Michael Blattner hatte hingegen argumentiert, der Psychiater habe seinen Klienten nach dem Vertrauensbruch nicht mal an einen anderen Therapeuten weitergeleitet, sondern sogar noch gesagt, es wäre ihm unangenehm, wenn er zu jemand anderem gehen würde. Durch sein Verhalten habe er eine schwere posttraumatische Belastungsstörung bei dem Klienten verursacht.

Klient versuchte, sich das Leben zu nehmen

Tatsächlich hatte der Klient danach versucht, sich das Leben zu nehmen. Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli betonte aber am Mittwoch bei der Urteilsbegründung, man sehe an früheren Austrittsberichten von Kliniken, dass die Krankheit des Mannes schon früher wellenförmig verlaufen sei. Von der Sorgfaltspflichtverletzung seines Psychiaters habe er im August 2016 erfahren, den persönlichen Zusammenbruch habe er aber erst im November 2016 in seinen Ferien erlitten. Durch diesen zeitlichen Abstand sei die Kausalität zwischen dem Fehlverhalten des Psychiaters und der gesundheitlichen Verschlechterung des Klienten nicht nachgewiesen. Und deshalb fehle es am objektiven Tatbestand der schweren Körperverletzung.

Der Opferanwalt hatte für seinen Mandanten eine Genugtuung von 10'000 Franken gefordert. Laeuchli sprach am Mittwoch wegen der Verfehlungen eine Genugtuung von 1000 Franken zu, auch muss der Psychiater zwanzig Prozent der Anwaltskosten des Geschädigten übernehmen. Noch im Jahr
2020 hatte er seinen ehemaligen Klienten als «Simulanten» bezeichnet.
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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