Audio-Walk

Surreale Erkundungstour auf dem Dreispitz

Verena Brigger (Nachbarin, wohnhaft im Bijarke Ingels Bau) mit Pferdemaske

Verena Brigger (Nachbarin, wohnhaft im Bijarke Ingels Bau) mit Pferdemaske

Der theatrale Audio-Walk «Freizone Dreispitz» macht das Areal als schwindenden Industrie-, Hochschul- und Lebensraum spürbar.

Die Mailand-, Wien- und Florenz-Strasse zweigen von der Münchensteinerstrasse ab und führen ins Dreispitz-Areal. Wer die falsche Abzweige erwischt, muss lange Umwege in Kauf nehmen. Für alle, die hier nicht leben, arbeiten oder studieren, ist das vergehende Industriequartier unübersichtlich. Der Audio- und ­Video-­­­­Spaziergang «Freizone Dreispitz» vom Theaterkollektiv Recycled Illusions soll hier Abhilfe schaffen.

«Freizone Dreispitz» startet im Eingangsbereich des Haus der Elektronischen Künste HEK. Jede Person hat einen eigenen Startzeitpunkt. Sind die Kopf­hörer auf, begibt man sich auf die Markierung neben dem Café. Das ist leer, dunkel, abgesperrt. Dann setzt der Ton ein, der alles belebt. Klirrende Gläser, Bestellungen. «Könnte ich noch eine Apfelschorle bestellen?» So viel Caféleben erlebt man seit Beginn der Pandemie selten.

Auf die Atmosphäre folgt die Erzählstimme. Sie zählt auf, was im Café zusammenkommt: ­Möbel aus Dänemark; der Zucker der Rhabarberschorle aus Paraguay. Haben Dinge eine Seele? In diesem Zwischenort zwischen Münchenstein und Basel kommt Stoffliches aus der ganzen Welt zusammen.
«Klack – klack – klack», setzen die Schritte ein. Das Geräusch leitet einen auf dem Streifzug: über den Platz, in den Keller der Fachhochschule, gar in den ehemaligen Jamaica-Rum-Tank der Firma Coruba. Weiter geht es von der Kantine Dreispitz, über den Nachlass des letzten Pinselmachers der Schweiz bis auf einen Balkon im sechsten Stock.

Alleine diese Aussicht wäre die Teilnahme am Walk wert! Auch nur wegen der Begegnung mit der Kantinenwirtin Yvonne Jauslin und dem Rum-Import-­Büezer Mario Felix lohnt es sich. Von Felix erfährt man etwa, welch gigantische Mengen Rum hier einst gelagert wurden, dazu Kaschmirwolle aus der Mongolei und Jeans aus China. Die 90 Minuten bündeln vieles an erlebter Geschichte.

Die Stimme warnt und gibt Geborgenheit

Weil bis heute Lastwagen fahren, warnt die Stimme im Ohr bei jeder Strassenkreuzung: ­Augen offen halten! Die sanften Schritte und die klaren Anweisungen der Erzählstimme schaffen tatsächlich Geborgenheit. Es besteht kein Risiko, sich auf dem Areal zu verlieren – also kann man sich umschauen und die Realität befragen.

Ist der Spacedrum-Spieler da auf der Rampe Teil des Stücks oder geniesst er den letzten warmen Abend? Was ist mit dem Auto da? Die Trottinettfahrerin trägt eine Tiermaske – da ist klar, dass sie theatral im Einsatz ist. Nach und nach bildet sich ein Überblick über die Routen im Gebiet und die Bedeutung(en) dieses Ortes zwischen Mitmach-Radio und Firmen, die in den Panama Papers auftauchen.

Doch als der Foodtruck-Fahrer in seinen Anhänger bittet und losfährt, ist jede Orientierung wieder verloren. Da ist man dann wieder verschoben und bereit für die surreale Magie der Videosequenzen, die später die Erzählstimme ergänzen.

Ohne Videos wäre «Frei­zone Dreispitz» aber konsequenter gewesen: Versichert von der Stimme im Ohr konnte man sich mit den Augen im theatral erweiterten Areal verlieren. Das Tablet nimmt der Dämmerungslandschaft Zauberei – trotz der Szenen mit Hexen und Magie.

«Freizone Dreispitz»
Haus der elektronischen Künste HEK, Freilager-Platz 9, Münchenstein/Basel.
Bis 18.Oktober. www.hek.ch

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