Theaterstück
Im Freilichttheater Freidorf tingeln Arbeitslose zwischen Oktoberfest und Führungsetage

Die Muttenzer Theatergruppe Rattenfänger feierte im Freidorf Premiere mit «Kasimir und Karoline» von Ödön von Horváth.

Jörg Jermann
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Arbeitslose aus der heutigen Teppichetage und Kasimir mit Erna (vorne) aus dem Jahr 1932.

Arbeitslose aus der heutigen Teppichetage und Kasimir mit Erna (vorne) aus dem Jahr 1932.

zvg

Freilichttheater hat es in sich: Direkt nach dem lauten Glockenschlag der Freidorfer Uhr geht es los, die Rattenfänger hauen einen ersten schmissigen Song in den Hof und die Gassen zwischen alten Wohnhäusern: «Karussell, dreh dich schnell: Komm her, kleiner Mann und halte dich ran, hier bist du die Hauptperson.»

Tatsächlich: In Ödön von Horváths «Kasimir und Karoline» sind wir auf dem Münchner Oktoberfest, hier sind die ärmeren Leute zu Hause, es ist die grosse Wirtschaftskrise von 1929 angesprochen. Da kommen aber auch ein älterer Fabrikherr (überzeugend gespielt von Rainer Hettenbach) und ein Richter hinzu. Sie ergötzen sich speziell an den jüngeren Frauen. Kasimir ist arbeitslos geworden, sein Freund Franz dreht krumme Dinger. Franz demütigt seine Erna, ergreifend dargestellt von Cornelia Soliva. Karoline wird sich von Kasimir trennen, sie verstehen sich nicht. Sie steigt schliesslich mit dem lüsternen «Sugardaddy», der sein reiches Anwesen in einer Vorortsgemeinde hat, ins Cabrio. Die Rattenfänger dislozieren das Stück von München und seiner Umgebung nach Muttenz und Giebenach.

Heute werden Kaderleute arbeitslos

Regisseur und Textschreiber Danny Wehrmüller setzt eine heutige Ergänzung zum Original aus dem Jahre 1932 ein: Wir sind unter Arbeitslosen aus der Führungsetage, welche von einer rücksichtslosen Organisationsentwicklerin mittels Coaching (Natalie Müller) vergeblich zu neuen Spitzenjobs getrimmt werden; treffliche Szenen aus der Härte des gegenwärtigen Wirtschaftsdrucks.

Horváth aber lotet Persönlichkeiten aus. Die Figuren aus dem Heute wirken eher mechanisch. Die Szenen sind gekonnt gemacht, wirken wie ein Gerüst für ein eigenes Stück zur Problematik der neuen Arbeitslosen aus der Teppichetage. Die Absicht Wehrmüllers, die Szenen mit Horváths Original im Verlaufe des Abends zu verschmelzen, klappt fast, aber die Zeiten sind wohl zu weit auseinander. Am Ende finden sich zwar alle in gemeinsamen Sentenzen, aber das wirkt etwas gesetzt. Sie repetieren chorisch eine positive Zukunft: «Es geht immer besser und besser.»

Tolle Songs aus den 20er-Jahren

Dafür begeistert das an die Comedian Harmonists erinnernde Trio (Kristiina Kanholt, Anina Stettler und Mona Ziems) mit mehreren alten Volksliedern, die Show innerhalb eines Volksfestes im Freien gibt der Aufführung den nötigen Schwung. Diesen hält auch Orina Vogt hoch, welche die Karoline gibt. Sie kann ihre Mehrschichtigkeit herausarbeiten. Schön, wie sie die Bemühungen um Kasimir verständlich macht, wie sie ihren Träumen und Sehnsüchten nach Glück nachleben will, das denn auch besungen wird: «Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück.»

Orina Vogt macht verständlich, dass ihre Karoline mit dem Alten «Sugardaddy» ins Auto steigt und man glaubt ihr, dass sie sich nie mehr so weit herablassen wird. Sie will nie mehr so tief sinken, nur um höher hinaus zu kommen. Der Song von Marlene Dietrich «Wenn ich mir was wünschen dürfte, möcht ich etwas glücklich sein» rundet die Horváthsche Stimmung wunderbar ab. Die im Original vorgegebenen Momente der Stille zwischen einzelnen Szenen sind im Freidorf etwas verschwommen, darunter leidet manchmal die Präsenz des Spiels. Gegen das Ende um
22 Uhr läuten dafür die Freidorfer Glocken wieder ausgiebig über die Bühne. Aber das Ensemble meistert diesen ortsbedingten Eingriff im gut gestimmten Freilichttheater prächtig.

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