Etwa 31 Millionen Menschen schauten ihm vor ein paar Tagen auf die Finger. Alleine in den USA. Sahen seine perfekten Wirbel, seine perfekten Tupfen, sein perfektes Taktgefühl. Mark Reilly ist der vielleicht beste Trommler der Welt.

Dafür übt er täglich. Stundenlang. Denn Trommeln ist sein Job. Wer Mark Reilly nach seiner Arbeit fragt, kriegt einen mehrzeiligen Titel zur Antwort. Er ist «Drum Group Leader for the United States Army Old Guard Fife and Drum Corps». Kurz: Er ist Trommelchef der Old Guard. Das ist die offizielle Zeremonie-Einheit und Eskorte des Präsidenten.

Seit den Tagen von John F. Kennedy begleiten diese Spitzenmusiker die mächtigsten Männer der Welt. Reilly begleitete Donald Trump vom Kapitol bis zum Weissen Haus. Ein Höhepunkt, wie es auch Reilly selten erlebt. Einer der nächsten folgt bald: Es ist die Basler Fasnacht.

Seit 2005 ist der 38-Jährige treu mit Basel verbunden. Über einen Freund kam er in Kontakt mit der Trommelgruppe Top Secret, die damals wirklich noch so etwas wie ein Geheimnis waren. Erik Juillard, heute Organisator des Basel Tattoo, war ein wichtiges Bindeglied für die Trommelbeziehung zwischen den Staaten und Basel. Mit Reilly reiste er nach Australien, zu einem der ersten Auftritte der Gruppe.

«Damals habe ich hier Freunde gefunden, die ich heute als Familie bezeichnen würde», sagt Reilly. Von den Trommelvirtuosen war es nur ein kleiner Schritt zur Fasnacht. Genauer: in den Vortrab. Als der Spitzentambour 2009 zum ersten Mal den Morgestraich erlebte, hatte er noch keinen Alu-Kübel umgeschnürt.

Schaggi, der Dauertrommler

Doch das in dieser Stadt viel beschworene Fasnachtsfieber hatte ihn dennoch erfasst. So sehr, dass er zwei Jahre später mit einer Gruppe von Pfeifern und Trommlern aus der Old Guard fünf Fasnachtsmärsche einstudierte und mit ihnen als eigenständige Gruppe durch die Basler Gassen ruesste. 2013 ebenso.

Auch 2015. Jedes Jahr wurde das Basler Repertoire der Amerikaner grösser. «Technisch ist die Fasnachtsmusik nicht sehr anspruchsvoll», sagt der Profi-Perkussionist. Wenn Mark Reilly heute seinen muskelbepackten Körper in einem Goschdyym und seinen militärischen Bürstenhaarschnitt unter einer Larve versteckt, verschwindet er im Fasnachtstreiben. Früher hatte er noch ein bisschen mehr Mühe, sich an das Basler Trommeln zu gewöhnen.

Der Stil habe einen ganz besonderen «Swing and Swagger», sagt Reilly. Eine Beschreibung, die sich mit Schwung und Lässigkeit nur sehr behelfsmässig übersetzen lässt. Der Basler Trommelstil hebe sich von allen Musikrichtungen ab, die er bislang gespielt habe. Ein Wort aus berufenem Mund, denn Reilly trommelt nahezu immer. Auch wenn er kein Instrument zur Hand hat. Selbst beim Autofahren, wie Freunde über ihn sagen.

Für Zwischendurch: So trommelt Mark Reilly

Einer davon ist Mats Brenneis. Der Tambourmajor der Clique «onYva» ist mit dafür verantwortlich, dass sich Reilly bald in seine Tambouren einreihen wird. Er hat ihm unter anderem dabei geholfen, ein Goschdyym und eine Larve bereitzumachen. Brenneis erzählt nicht ohne Stolz, dass noch ein paar andere Cliquen um den Amerikaner gebuhlt haben. Längst hat sich in der Fasnachtsszene der Name des Dreydaags-Expats herumgesprochen. Längst ist er so etwas wie ein Fasnachtspromi.

Ob Reilly aber vollwertiges Cliquenmitglied werden darf, entscheidet sich erst nach der Fasnacht. «Aktuell ist Mark noch im Karenzjahr. Wir werden über ihn abstimmen, wie wir das bei allen neuen Mitgliedern tun», sagt Brenneis. Die Chancen stehen gut. Nicht wegen Reillys musikalischem Hintergrund, sondern einfach weil ihn die anderen so gut mögen. «Mark ist bescheiden und unglaublich begeisterungsfähig», sagt Brenneis.

Neben ihm könne man den grössten Mist trommeln, «er findet dennoch nette Worte». Man spürt: Der Auslandfasnächtler ist in der Clique gut integriert. So sehr, dass sie ihm einen Ur-Basler Spitznamen verpasst hat. Schaggi. Denn eigentlich hiesse Mark Jean-Marc, und das ist Jacques zumindest einigermassen nahe.

Ihm wird sogar verziehen, dass er den Dienstag mit den Chriesibuebe mitläuft – die beiden knalligen Steckenlaternen der Baselbieter Trommelgruppe gelten als rotes Tuch für jeden städtischen Berufsfasnächtler, der etwas auf sich hält. Juillard beispielsweise findet das Zyschtigs-Engagement seines Freundes «zum Kotzen. So dürfen Sie mich ruhig zitieren.» Dennoch würde er Reilly jederzeit wieder bei sich wohnen lassen, wie dies in anderen Jahren schon der Fall war.

Eine Frage der Ehre

Immer wieder betont Reilly, wie viel ihm die Fasnacht ihm bedeute. «Eine Ehre» sei es, hier mitmachen zu dürfen, sagt er bei jeder Gelegenheit. Das hat sich inzwischen auch in der Clique zu einem Running Gag entwickelt. «Bei bald jedem Mist fragen wir uns: ‹Findet’s Mark wohl eine Ehre?›», erzählt Brenneis. Mark Reilly nimmt dafür einige Strapazen in Kauf. Um nach Basel zu reisen, legt er tausende Kilometer zurück.

Sein Weg an den Morgestraich ist wohl der unüblichste unter allen Teilnehmern: in einem Armeeflugzeug, oft im Frachtraum. Als Mitglied der Army darf er zu reduzierten Preisen mitfliegen, wenn die Air Force Ladungen an Stützpunkte in Europa verschickt. «Das ist manchmal eine Herausforderung, denn die Sitzplätze für Einzelpersonen sind nicht garantiert und man ist so etwas wie auf Bereitschaft, mitfliegen zu können», sagt Reilly.

Nicht die Larven und Ladäärne findet er seltsam, sondern die Leute: Es sei «strange», dass tausende Menschen so friedlich zusammen feiern und zusammenkommen «in einer Welt voll Chaos.» Es ist eines der seltenen Male, in denen ein kritisches Wort zu vernehmen ist. Vielleicht ist er zu positiv, um sich politisch zu äussern, vielleicht ist es für einen Mann in seinem Job auch nicht einfach, Stellung zu beziehen.

Und was ist mit Trump-Sujets? «Ich wappne mich schon mal, zahlreiche davon in diesem Jahr anzutreffen», sagt er lachend. Das sei ihm schon 2009 mit Obama passiert. Es passt zu Mark Reilly, das er dies mit einem Lob verbindet: «Der Humor hier ist eine der schönsten Eigenschaften dieser Stadt. Es erinnert mich immer ein bisschen an meine Heimat, New York.» Zum Schluss des Interviews bedankt er sich: Es sei ihm eine Ehre gewesen.