Coronakrise
Twitter verpasste den Anthroposophen einen Maulkorb – zudem fehlt dem Goetheanum Geld

Die Covidkrise trifft das Goetheanum finanziell. Um Spenden zu sammeln, veröffentlichte das Goetheanum ein Video-Interview mit Justus Wittich. Doch es ist nicht die einzige Baustelle. Im März sperrte Twitter zeitweise alle Konten des Goetheanums.

Benjamin Wieland
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Von ihm gibt es sogar ein Buch zu Corona: Rudolf Steiner (1861–1925)

Von ihm gibt es sogar ein Buch zu Corona: Rudolf Steiner (1861–1925)

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Der Mann hat Humor. Justus Wittich, Schatzmeister der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, beschreibt die finanzielle Lage des Goetheanums in ganz eigenen Worten. Es sei ein bisschen wie «Am-Abgrund-Stehen», sagt er in einem vom Goetheanum produzierten Video-Interview. Doch das sei gar nicht weiter schlimm: «Da weht ein frischer Wind, man hat die Schönheit, den Abgrund. Und dann muss man an dieser Stelle möglichst geistesgegenwärtig arbeiten.»

Das Goetheanum publizierte das Video am Wochenende – samt Spendenaufruf. Man stehe «vor grossen finanziellen Herausforderungen», wie viele kulturelle Einrichtungen. Der schon eingeschränkte Betrieb im Welt-Hauptquartier der Anthroposophie in Dornach wurde per 12.Dezember stillgelegt.

Selbst harmlose Tipps können Sperre auslösen

Doch es ist nicht die einzige Baustelle. Im März sperrte Twitter zeitweise alle Konten des Goetheanums in den fünf angebotenen Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch. Zuvor hatte der Kurznachrichtendienst seine verschärften Richtlinien bekannt gegeben. Als Reaktion auf die Covid-19- Pandemie würde die Definition dessen, was als schädlich betrachtet werde, erweitert. So könnten nicht nur Inhalte entfernt werden, die etwa die Pandemie leugneten, sondern auch solche, die nicht mit der Empfehlungen von Behörden kompatibel seien.

In den Fokus der «Löschabteilung» können etwa Tweets gelangen, die eine Behandlung anpreisen, die zwar als nicht schädlich, aber auch nicht als wirksam gilt. Als Beispiel nennt Twitter den Aufruf, Covid-19 mit ätherischen Ölen zu behandeln.

War ein Video schuld daran?

Auf den Goetheanum-Kanälen werden Hinweise zu Veranstaltungen und Publikationen sowie Medienmitteilungen verbreitet. Ein Video könnte es gewesen sein, das Twitter auf den Plan rief. Das schreibt der Journalist und Anthroposophiekritiker Oliver Rautenberg in seinem «Anthroposophie.blog». Im Video referiert Jean-Michel Florin, Leiter der Landwirtschaftlichen Sektion, über Pflanzen. Er sagt unter anderem, dass biodynamische Methoden das Immunsystem von Pflanzen und Tieren stärken könne. Deshalb beobachte man eher weniger epidemische Krankheiten.

Diese These kann man durchaus äussern – eine staatliche Stelle dürfte sie aber kaum bestätigen. Weitere Inhalte zu Covid auf Goetheanum.org, die kein amtliches Gütesiegel erhalten: Anleitungen zur Stärkung «der Seelenregungen». Empfohlen werden Heileurythmie-Übungen, darunter «Liebe – E» und «Hoffnung – U».

Der angebliche Einfluss der Planeten und des Kosmos

Rudolf Steiner habe die Pandemie sogar vorhersehen können, heisst es in diversen Publikationen. Ihm, dem Vater der anthroposophischen Bewegung, sei schon bei der Spanischen Grippe aufgefallen, dass Mars, Jupiter und Saturn in einer speziellen Konstellation stünden – und täten das jetzt wieder. Die Theorie erläuterte Steiner in zwei Vorträgen, die er 1920 in Dornach hielt.

Er benannte vor 100 Jahren einen kosmologischen Aspekt, der auch heute eine Rolle spielen könnte.

(Quelle: Markus Sommer, «Goetheanum»-Autor und Arzt, über Rudolf Steiner)

Der Verlag Rudolf Steiner Ausgaben aus Bad Liebenzell bei Stuttgart hat sie als Buch herausgebracht: «Rudolf Steiner zum Corona-Rätsel». Ein Auszug: «Eine epidemische Influenza oder Grippe erklärt sich unter anderem dadurch, dass viele Menschen stark von atmosphärischen Erscheinungen oder von kosmischen Konstellationen abhängig sind.»

Das Goetheanum grenzt sich von coronaleugnerischen Bewegungen ab. Die Medizinische Sektion am Goetheanum geht zu Impfskeptikern auf Distanz. Eine Nähe besteht aber zumindest zu Kreisen, welche die staatlichen Massnahmen als stark übertrieben betrachten.

In einem Punkt ist Schluss mit Sendungsbewusstsein

Das zeigt ein Forschungsprojekt der Universität Basel. An sogenannten Querdenker-Demonstrationen wurden Kritiker, wie sie in der Studie heissen, befragt. Fazit: Die Befragten wählen überproportional häufig SVP und Grüne. Und viele sind der Anthroposophie zugeneigt.

Die Sperrungen der Konten – der Account auf Französisch ist es noch immer – sind als Überreaktion von Twitter zu werten. Doch das Vorgehen könnte Schule machen. Positionen zur Pandemie, die nicht auf wissenschaftlichem Fundament stehen oder zumindest von offiziellen Stellen geteilt werden, haben es immer schwerer. Der Spruch «Nützt es nichts, so schadet es nichts» gilt nicht mehr.

Weder Twitter, noch das Goetheanum äusserten sich zur Sperre. Anfragen bleiben unbeantwortet. Wenigstens da besteht zwischen den ungleichen Akteuren eine Gemeinsamkeit.