«Über zwanzig Kilo»
Ein Basler Fischer macht den Fang seines Lebens

Adrian Hess hat einen Weissen Amur aus dem Rhein gezogen. Der Fisch gibt Rätsel auf.

Benjamin Rosch
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Adrian Hess hat im Basler Rhein mit einem Fischergalgen einen Graskarpfen gefangen. Den Fisch nennt man auch Weisser Amur.

Adrian Hess hat im Basler Rhein mit einem Fischergalgen einen Graskarpfen gefangen. Den Fisch nennt man auch Weisser Amur.

Bild: zvg/ Patrick Aka Knödel

«Am Anfang dachte ich, ich hätte einen Stein im Netz», sagt Adrian Hess, «aber dann zog ich das Netz ganz hoch und war völlig baff.» Der Fang liegt schon ein paar Tage zurück, doch wenn Hess von seiner Sternstunde am Rhein berichtet, überschlägt ihm immer noch fast die Stimme. Kein Wunder: Der Fisch, den er in seinem Galgennetz fand, ist eine kleine Sensation. Ein Graskarpfen von über einem Meter Länge. «Ich konnte ihn nur zu zweit aus dem Netz hieven», sagt Hess. Er schätzt das Gewicht des Fischs auf «über zwanzig Kilo». Tatsächlich: Ein Exemplar von dieser Länge bringt durchschnittlich 25 Kilo auf die Waage.

Fische von diesen Dimensionen sind an sich schon selten im Rhein. Nur Welse können locker mithalten, ein Hecht vielleicht in der Länge, nicht aber im Gewicht. Das Spezielle aber an Hess’ Fang: Er sollte im Rhein gar nicht vorkommen.

Charakteristisch für den Graskarpfen sind die grossen Löcher im Kopfbereich.
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Der Fisch mass über einen Meter und brachte über 20 Kilo auf die Waage.
Ein Grund für den speziellen Fang könnte das Hochwasser gewesen sein.
Der Fisch wies rötliche Verfärbungen auf.

Charakteristisch für den Graskarpfen sind die grossen Löcher im Kopfbereich.

zvg/Patrick aka Knödel

Ursprünglich aus China

Graskarpfen gehören zur Ordnung der Karpfenartigen. Sie werden auch Weisser Amur genannt oder Chinakarpfen – ein Hinweis auf die geografische Herkunft der Tiere. Ursprünglich stammt die Art aus Fernost, wo sie vor allem in Seen und langsamen Flüssen vorkommt. Graskarpfen mögen es ziemlich warm: Sie bevorzugen eine Wassertemperatur zwischen 22 und 26 Grad, für das Laichgeschäft muss es noch wärmer sein. Bereits in den 60er-Jahren gelangten erste Amure nach Europa. Damals dachte man, mit den Fischen liessen sich unerwünschte Algen bekämpfen. Oft stellte sich dies aber als Trugschluss heraus, die Fische frassen viel zu langsam. An Bedeutung gewonnen haben sie allerdings als Zierfische in Teichen.

Da zappelt es ordentlich im Netz.

Bild: zvg/Patrick Aka Knödel

Das ist auch ein möglicher Hinweis, wie dieser Fisch in den Rhein gelangt sein könnte. Durch das Hochwasser könnte irgendwo ein Teich überspült worden sein. Durch die steigenden Wassermassen gelangte der Fisch in einen See oder Fluss und von dort bis in den Rhein. «Das ist gut möglich», sagt Matthias Nabholz vom Basler Amt für Umwelt und Energie. Es komme immer wieder vor, dass gehaltene Fische unerlaubterweise in die Freiheit entlassen und in öffentliche Gewässer besetzt werden. «Wird nun durch ein Hochwasser ein Teich oder Weiher überschwemmt, kann es sein, dass Fische und Krebse dadurch in einen Bach oder Fluss gelangen und dann gefangen werden», sagt er. In Deutschland ist ein Fall bekannt von einem guten Dutzend Koi-Karpfen, die mit dem Hochwasser in die Freiheit gelangt sind.

Hess befischt den Basler Rhein schon lange. Nicht nur mit dem Galgen, auch mit der Rute war er schon erfolgreich. Doch diesen Fisch musste er erst ergoogeln. «Zuerst dachte ich an einen Rapfen», sagt Hess. Auffällig ist die rötliche Zeichnung. Gerade bei Zuchtfischen taucht dies häufig auf, es könnte auch eine Form von Albinismus sein. Im Fachhandel für werden Albino-Graskarpfen angeboten. Für Hess stand bald fest, dass er den Fisch in die Freiheit entlassen möchte. Die Galgenfischerei gilt als besonders schonend: Der Fisch wird durch das feuchte Netz nicht verletzt. Eine Abhakmatte sorgte zusätzlich dafür, dass die empfindliche Schleimschicht des Fischs keinen Schaden nahm. Als besonders schützenswert gilt der Fisch indes nicht. Nabholz verweist auf Verordnung zum Bundesgesetz der Fischerei. Dieses führt die Graskarpfen explizit als unerwünschte Art.

Für Adrian Hess spielt das freilich keine Rolle. Es ist noch keine zwei Jahre her, da musste er einen riesigen Wels lassen. «Er war wohl über zwei Meter lang. Ich hatte keine Chance, ihn aus dem Netz zu heben», sagt er. Dieses Mal hat es geklappt, weil ihm ein befreundeter Fischer zur Seite stand. Hess ist sich sicher: «Das war der Fisch meines Lebens.»

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