Geiselnahme

Verlangten die Geiselnehmer zuviel? Das grosse Rätsel und die Hinrichtung der Basler Missionarin in Mali

Die von Islamisten getötete Basler Missionarin (links) in einer Aufnahme vom Januar 2014 in Mali. (Archivbild)

Die von Islamisten getötete Basler Missionarin (links) in einer Aufnahme vom Januar 2014 in Mali. (Archivbild)

Beatrice Stöckli ist von ihren Geiselnehmern in Mali getötet worden. Warum kam gerade sie nicht wie andere westliche Gefangene frei?

Sie half den ärmsten der malischen Frauen, die in der Sahara unter den vorrückenden Islamisten leiden. Zum Schluss erlag sie selbst den Kriegswirren im westafrikanischen Sahelstaat. Wie ein französischer Journalist am Wochenende berichtete, ist die Basler Missionarin Beatrice Stöckli vor etwa einem Monat von islamistischen Geiselnehmern umgebracht worden.

Die 59-jährige Protestantin hatte sich laut dieser Quelle geweigert, einen weiteren Umzug mitzumachen, wie ihn Kidnapper in der Sahara regelmässig vornehmen, um von malischen oder französischen Soldaten nicht aufgespürt zu werden. Die Islamisten hätten die Französin nachts ins Freie geschleppt, hiess es; kurz darauf habe man einen Schuss gehört.

Die Schilderung stammte ursprünglich von der Mitgeisel Sophie Pétronin, die mit anderen Personen, darunter Stöckli, von Vertretern der Terrororganisation Jamaat Nasr al-Islam (JNIM) 2016 entführt worden waren. Pétronin – die neben dem französischen auch einen schweizerischen Pass besitzt, weil ihr kleines Hilfswerk «Aide à Gao» in der Schweiz angesiedelt ist – kam am letzten Freitag zusammen mit zwei Italienern und einem malischen Politiker auf freien Fuss.

Sie kehrte nach Paris zurück, wo sie von Präsident Emmanuel Macron empfangen wurde. Laut einem mauretanischen Journalisten flossen zehn Millionen Euro an Lösegeldern. Zudem sollen bis zu 200 eingekerkerte Islamisten freigekommen sein. Beobachter relativierten, darunter befänden sich nur ein Dutzend eigentliche Jihadisten; bei den übrigen Freigelassenen habe es sich um blosse Sympathisanten gehandelt.

Frankreich kauft Geiseln regelmässig frei

Die Massenfreilassung und die Bezahlung eines hohen Lösegeldes wirft in Paris dennoch hohe Wellen. Die französische Regierung war offensichtlich bemüht und bereit, einen sehr hohen Preis für die Freilassung der letzten französische Geisel Pétronin zu zahlen. Auch Italien soll sich finanziell engagiert haben.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Frankreich in Westafrika – etwa im Unterschied zu den USA - Lösegeld zahlt, um Landsleute freizukaufen. Erstaunlicher ist, dass so viele Islamisten freikamen. Frankreich führt in Mali mit 4500 Soldaten seit 2013 einen erbitterten Kampf gegen nordafrikanische Jihadisten.

Wenig transparent ist auch die Rolle der prominenten malischen Geisel Soumaïla Cissé. Der Vorsteher der «Union für die République und die Demokratie» (URD) war Oppositionschef und galt in der malischen Hauptstadt Bamako bis zu seiner Entführung im März dieses Jahres als chancenreicher Anwärter auf das Präsidialamt.

Im August sorgte der Staatsstreich einiger Offiziere allerdings für eine neue Situation. Kenner schliessen nicht aus, dass dieser Militärputsch die Freilassung Cissés beschleunigt haben könnte.

Bundesräte hätten sich «persönlich und wiederholt» bei den malischen Behörden eingesetzt

Die Schweizerin Stöckli war wie Cissé in der Wüstenstadt Timbuktu entführt worden. Dem Vernehmen nach warfen ihr die Islamisten vor, sie suche Muslime zum Christentum zu bekehren. Bei einer der italienischen Geiseln handelte es sich allerdings auch um einen Priester. Es bleibt deshalb die Frage, warum die Baslerin so kurz vor der Freilassung noch umgebracht wurde.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) war in den letzten Monaten in grosser Sorge um die Basler Missionarin, die auf Propagandavideos einen schwarzen Hidschab trug – tragen musste? - und sehr geschwächt wirkte. Pétronin war hingegen freiwillig zum Islam übergetreten.

Bundesrat Ignazio Cassis hat den Angehörigen Stöcklis seine «grosse Betroffenheit» ausgedrückt. Das EDA betont in einer Stellungnahme mehrfach, es habe seit der Entführung Stöcklis im Jahr 2016 alles unternommen, um ihre Freilassung zu erwirken; Mitglieder des Bundesrates hätten sich «persönlich und wiederholt» bei den malischen Behörden eingesetzt.

Dieser Einsatz genügt aber nicht. Verlangten die Geiselnehmer zuviel Handfestes, was die Schweiz nicht liefern konnte oder wollte? Der Tod der Baslerin, die schon 2012 für wenige Tage entführt worden war, bleibt eine Dunkelzone. Die nun zirkulierende Erklärung, dass die Entführte einen weiteren Umzug verweigert habe, überzeugt nicht alle Beteiligten.

Wie auch immer, bleibt Beatrice Stöckli als wagemutige, vielleicht auch unvorsichtige, aber überaus selbstlose Helferin Not leidender Malierinnen in Erinnerung.

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