Coronavirus

Vom Kantönligeist bis zum Gemeindeligeist: Schulöffnungen bringen ganze Region durcheinander

Nicht nur im Basler Gellert-Schulhaus freuen sich die Lehrer auf Montag. Doch es gibt in beiden Basel Unsicherheiten.

Nicht nur im Basler Gellert-Schulhaus freuen sich die Lehrer auf Montag. Doch es gibt in beiden Basel Unsicherheiten.

Hier gibt es Einlaufzeiten für die Schüler, dort werden ganze Treppenhäuser richtungsgetrennt geführt und Allschwil muss beim Turnunterricht zurückkrebsen. Baselbieter Schulleiter kritisieren den Spielraum, den der Kanton den Gemeinden bei der Wiedereröffnung der Schulen ab dem 11. Mai lässt.

«Bloss keinen Kantönligeist!» Das war alles, was Marianna Hersche forderte. Die für die Primarstufe zuständige Co-Präsidentin des Baselbieter Schulleiterverbandes warnte schon Mitte April in dieser Zeitung davor, dass jeder «etwas für sich brösmelet», sobald die Schulen am 11. Mai wieder ihre Tore öffnen. «Nun ist genau das passiert», sagt die Schulleiterin der Primarstufe Muttenz gestern zur bz. In der Nordwestschweiz startet man im Ganzklassenunterricht, während Zürich oder St. Gallen gestaffelt anfängt. «Und noch schlimmer», fügt Hersche an, «In Baselland haben wir sogar Gemeindeligeist.»

Tatsächlich zeigt der Blick auf einige ausgewählte Primarschulen, dass längst nicht alle Gemeinden das verbindliche kantonale Schutzkonzept des Amts fürs Volksschulen (AVS) gleich auslegen. Das sei durchaus gewollt, sagt AVS-Leiter Beat Lüthy: «Wir haben Primarschulen mit ganz unterschiedlichem Charakter. In Allschwil gibt es 62 Klassen, in Hemmiken bloss eine. Die einen haben Platznot, die anderen riesige Areale. Da macht es Sinn, dass jede Schule unser Konzept auf ihre Bedürfnisse zuschneiden kann.»

Doch kein Fussball in der Allschwiler Primar

Bloss: Die bz hat Allschwil nicht mit Hemmiken verglichen, sondern mit Muttenz und Liestal. Besonders auffällig ist, dass die Primarschule Allschwil in ihrem Konzept festhält: «Der Sportunterricht findet grundsätzlich normal statt.» In Liestal und Muttenz hingegen wird auf Kontaktsportarten wie Fussball verzichtet und auch auf Geräteturnen. Der Allschwiler Gesamtschulleiter Martin Münch präzisiert gestern auf Anfrage: «Geräteturnen meiden wir auch wegen des nötigen Kontakts zwischen Lehrer und Schülern, aber von einem Verbot von Kontaktsportarten unter Schülern sagt der Kanton nichts.»

Tatsächlich heisst es im Konzept bloss, dass der Kontakt «zu» den Schülern vermieden werden solle. Im Schulzimmer gelten die Abstandsregeln schliesslich auch nur zwischen Lehrern und Schülern. Hersche stützt sich dagegen auf eine Empfehlung des Schweizerischen Verbands für Sport in der Schule: «Direkter Kontakt zwischen Lernenden ist zu vermeiden», heisst es dort. Am späten Abend rudert Allschwil dann zurück: Man habe nun eine Empfehlung des Kantons erhalten, auf Kontaktsportarten zu verzichten, sagt Münch. Sicherheit sieht anders aus.

Beispiel Nummer Zwei: die Lenkung der Bewegungen im Schulhaus. Hier schauen Münch und Hersche verwundert Richtung Liestal. Dort hat Primarstufen-Rektor Stephan Zürcher die Standorte beauftragt, gegenläufige Bewegungsströme wenn möglich zu trennen. Konkret: Personen dürfen nicht mehr im gleichen Treppenhaus hinauf- und hinunterlaufen. «Wir versuchen bloss, die kantonalen Vorgaben möglichst genau umzusetzen», sagt Zürcher. Dort findet sich aber nur ein Passus, der schwammig festhält, dass beim Abstandhalten unter den Mitarbeitern «auch die Wegführung im Schulhaus» berücksichtigt werden solle.

Zwei Meter Abstand sind im Kindergarten eine Illusion

Nur in Allschwil wiederum gibt es ab Montag eine fünfzehnminütige Einlaufzeit für die Primarschüler, um zu lange Warteschlangen vor den Lavabos zu vermeiden. Münch bedauert selbst, dass es nun Unterschiede zwischen den Gemeinden gibt, die sich längst nicht alle mit verschiedenen Bedürfnissen erklären lassen: «Ich verstehe nicht, wieso der Bund und der Kanton nicht etwas klarere Vorgaben gemacht haben. Das Coronavirus kennt keine Grenzen.» Lüthy vom AVS betont, dass immerhin gravierende Unterschiede wie ein Eingriff in die Stundentafel dem Kanton gemeldet werden müssten. Er habe die Aufsicht.

Eine andere Unklarheit macht derweil Hersche zu schaffen: Im Baselbieter Konzept steht, dass der Abstand zwischen Lehrern und Schülern von zwei Metern «wann immer möglich» eingehalten werden soll. Trocken hält sie fest: «Im Kindergarten und in der ersten und zweiten Primar ist das nicht umsetzbar.» Lüthy sagt dazu: «Natürlich ist diese Regel bei kleinen Kindern schwieriger einzuhalten. Doch die Lehrer sollen es wenigstens versuchen.»

Das Bäumlihof hat es in Basel besonders schwer

In Basel-Stadt fällt zwar der «Gemeindeligeist» weg, dennoch stellen sich für die Schulstandorte unterschiedliche Herausforderungen. Gegenüber der bz hebt Simon Thiriet, Sprecher des Erziehungsdepartements (ED), vor allem den Standort Bäumlihof hervor. Hier treffen die kleine Sek Drei Linden, die grosse Sek Bäumlihof, die Primar Hirzbrunnen sowie das auch nach dem 11. Mai noch geschlossene Gymnasium Bäumlihof aufeinander. «Die Schulleitungen müssen sich individuell vorbereiten, aber auch untereinander absprechen», so Thiriet. Das entsprechende Konzept ist eine halbe Woche vor Schulstart noch in Arbeit.

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