Ein Junge sitzt auf einem Leuchtkubus mitten auf der Bühne und beobachtet. Zwei Männer prügeln sich, einer stirbt. Die Mutter des Jungen steht daneben, sie ist entsetzt. Hinter ihm läuft auf einer Leinwand ein Videospiel im Design der achtziger Jahre. Dazu spielen die Countdowns «Captain Walker Didn't Come Home» von The Who: Die Rockoper «Tommy» in der Querfeldhalle beginnt mit einem grossen Knall.

Handlung muss bekannt sein

Die Aneinanderreihung von Songs ohne viel Text lässt vor allem die Menschen ein wenig ratlos zurück, die englisch nicht verstehen. Doch auch ohne Sprachbarriere ist die Handlung eher schwierig nachzuvollziehen.

Der Blick ins Programmheft bietet Abhilfe: Weil Tommy Walker mit ansehen muss, wie sein Vater, der aus dem Krieg heimkehrt, den Geliebten seiner Mutter totschlägt. wird er taub, stumm und blind.

Von diesem Moment an lebt er in seiner eigenen Welt. Dort wird er allerdings nicht in Ruhe gelassen, sondern Opfer von Kindsmissbrauch.

Dies ist mit Abstand die verstörendste und eindringlichste Szene im ganzen Stück: Tommy wird von seinem leuchtenden Kubus geschubst und durch eine Puppe ersetzt.

Die Figur Captain Walker beginnt, sexuelle Handlung an der Puppe vorzunehmen - ungeschönt, äusserst explizit, mitten im Scheinwerferlicht mit einem hämischen Grinsen im Gesicht.

Gute Sänger, gutes Schauspiel

Die Performance der Schauspieler ist gelungen, selbst wenn der Zusammenhang teilweise ein wenig unklar erscheint. Besonders erwähnenswert ist die Darstellung von Captain Walker, der von Stefan Raaflaub dargestellt wird.

Aus dem stimmgewaltigen Cast sticht auch Sylvia Heckendorn heraus. In ihre Rolle als Acid Queen nimmt sie obskure Heilversuche an Tommy vor und überzeugt mit ihrer Bühnenpräsenz - und ihrem kraftvollen Gesang.

Einmal Wunder und wieder zurück

Tommy entdeckt als Erwachsener seine Begabung am Flipperautomaten und wird ein umjubelter Weltmeister. Er wird geheilt und dadurch zum Messias, der viele Anhänger hat. Als er sich dem Kommerzialisierungsdruck widersetzt, lassen ihn alle fallen.

Es ist ein Vergnügen, den Schauspielern und der Band zu lauschen und zuzusehen. Allerdings ist die Inszenierung von Regisseur Andy Tobler zeitweise nicht wirklich nachvollziehbar und lässt das Publikum mit Fragen zurück.

Für Fans von The Who ist der Abend ein Genuss: Die Lieder der Band um den Gitarristen und Verfasser der Rockoper Pete Townshend wird von den Countdowns musikalisch präzise umgesetzt.

Die Besetzung flösst den Songs bis zum letzten Ton Leben ein. Begünstigt wird die Darbietung zudem von den guten akustischen Verhältnissen in der Querfeldhalle.
Tommy läuft bis zum 27. April in der Querfeldhalle.