Forschung
Von Baslern, die den Bundesrat beraten

Rund 20 Prozent der Wissenschafter in der nationalen Covid-19-Taskforce kommen aus Basel-Stadt. Ein Blick hinter die Kulissen.

Nora Bader
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Viele Forscher, die in Bern eine wichtige Rolle spielen, kommen aus Basel.

Viele Forscher, die in Bern eine wichtige Rolle spielen, kommen aus Basel.

Symbolbild: Christian Beutler / KEYSTONE

80- bis 100-Stundenwoche, Freizeit ein Fremdwort – seit einem Jahr wissen sie nicht, wie spät oder welcher Wochentag gerade ist: die Mitglieder der wissenschaftlichen Covid-19-Taskforce des Bundes. Sie agieren im Hintergrund, beraten Bundesrat und Bundesamt für Gesundheit BAG, sammeln Daten, beobachten und bewerten die Epidemiesituation in der Schweiz jeden Tag aufs Neue. Über 70 Forschende und Wissenschafter aus der ganzen Schweiz sind beteiligt in den zehn Forschungsgruppen. Und rund ein Dutzend der Mitglieder kommt aus Basel-Stadt, so viele wie aus keiner anderen Region. Die meisten haben Verantwortung an Universitäten, sind Klinikchefs, leiten eine Intensivstation oder eine Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene. Die Arbeit für die Taskforce leisten sie unentgeltlich und neben ihrer beruflichen Tätigkeit. Ihre Arbeitgeber stellen Zeit zur Verfügung.

Die Basler Forschenden kennen sich. Gerade in der Wissenschaft sei das sehr wichtig, sagt Epidemiologe Marcel Tanner, der sein Mandat als Leiter der Expertengruppe Public Health und Mitglied im Advisory Panel in der Taskforce abgibt, aber weiterhin in seiner Funktion als Präsident der Akademien ratend zur Seite steht. Zusammenarbeiten und Freundschaften hätten schon vorher bestanden. Und so kam es, dass er gemeinsam mit seinem Fast-Nachbarn Manuel Battegay, Chefarzt und Infektiologe am Universitätsspital und ebenfalls Mitglied der Taskforce, auch mal spätabends nach getaner Arbeit im Garten ein Glas Wein getrunken habe. Viel Zeit dafür blieb aber nicht und es war auch selten. Zu gross ist die Verantwortung der Mitglieder, die aufgrund der hohen Belastung diese Arbeit in den meisten Fällen nicht auf Dauer ausführen können.

Als die Pandemie begann

Im ersten Lockdown im März hatten der Krisenstab des Bundesrates zur Bewältigung der Coronakrise, das BAG und das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation die «Swiss National COVID-19 Science Task Force» (SN-STF) als wissenschaftliches Beratungsgremium ins Leben gerufen, basierend auf den vier Säulen des Wissenschaftssystems; der ETH-Bereich, die Universitäten (Swissuniversities), der Schweizerische Nationalfonds und die Akademien. «Dass die Pandemie beginnt, realisierte ich voll am Virologen-Treffen Ende Januar 2020. Schnell wurde klar, dass es auch eine nationale Koordination braucht, die das Klinische und Wissenschaftliche einschliesst», sagt Manuel Battegay, der damals Kontakt mit Pascal Strupler, dazumal Direktor des BAG und Mitarbeitern des Bundesrates aufnahm. So wurde er Anfang April als Experte an eine Sitzung des Bundesrates nach Bern eingeladen. Am 1. April startete die Arbeit der Nationalen Taskforce. Battegay, jetzt im Leitungsteam, leitete das Gebiet Clinical Care. Es geht um die kritische Bewertung der Evidenz, zum Beispiel der Risikofaktoren für einen schweren Verlauf oder von Therapien.

«Die Anspannung bei uns im Spital war riesig. Wir waren gut vorbereitet und bereit, aber wir wussten nicht, was da genau auf uns zukommt und wie gut wir es bewältigen können.» Das bestätigt auch Ärztin Sarah Tschudin Sutter, Operative Leiterin Abteilung für Spitalhygiene am Unispital.

Und dort bestehe gemäss Battegay eine ausgezeichnete, auch interprofessionelle Zusammenarbeit verschiedener Teams. Battegay war während der ganzen Pandemie als Chefarzt am Unispital tätig, die Führungsfunktionen blieben, aber er betreut selber seit einem Jahr deutlich weniger Patienten. Sein Team ist direkt im Gesamtteam dabei, das Covid-19-Patienten betreut.

Taskforce zeigt Optionen auf, Politik entscheidet

Marcel Tanner blickt zurück. «Heute vor einem Jahr war Wuhan bereits voll drin. Es erinnerte mich an andere Ausbrüche wie Sars 1. Meine Alarmglocken läuteten.» Tanner befand sich gerade in Dublin, wo er eine Doktorandenprüfung abnahm. Danach musste er beruflich in den Sudan. Auf der Heimreise strandete er in Frankfurt und schaffte es nicht mehr rechtzeitig nach Genf an die Sitzung mit der Weltgesundheitsorganisation WHO, die wegen diagnostischer Covid-Tests einberufen worden war.

Mit dem Ende der «ausserordentlichen Lage» und der Auflösung des einberufenen Krisenstabes des Bundes fehlte für das Weiterbestehen der SN-STF aber die ursprüngliche behördliche Basis. Das BAG nahm deshalb eine Reorganisation vor. Entsprechend statteten EDI und BAG die Taskforce mit einem angepassten Rahmenmandat aus – ein zusätzliches Management zur Sicherung des Expertensystems.

«Man stellt einen Aspekt der Epidemie vor. Darüber wird vielschichtig diskutiert. Von aussen könnte man denken, die sind sich nicht einig. Aber das ist nicht so – vielmehr tragen Experten engagiert bei und müssen eben auch über die Bewertung von Evidenz im Gesamtkontext von Public Health diskutieren», so Battegay. «Wir zeigen Handlungsoptionen auf, aber wir treffen in der Taskforce keine Entscheide über Massnahmen.» Diese trifft die Politik. Und: Auch aus den Kantonen kämen immer wieder Anfragen an die Taskforce. Verschiedene Expertinnen und Experten der Taskforce sind in kantonalen Gremien oder bei der Universität bei Fragen eingebunden, so wenn es um die Infektionsprävention in Spitälern, Alters- und Pflegeheimen geht oder zu diskutierenden Massnahmen im Bildungs- und Ausbildungsbereich.

Manuel Battegay, Vizepräsident Nationale Covid-19-Taskforce, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Basel und Professor für Infektiologie an der Universität Basel.

Manuel Battegay, Vizepräsident Nationale Covid-19-Taskforce, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Basel und Professor für Infektiologie an der Universität Basel.

Archiv Kenneth Nars / DIV

«Meine Arbeit ist ein Privileg»

Aufgezeichnet

Manuel Battegay: «Ich suche bestmöglich im Spital und in Gremien beizutragen. Meine Kraft schöpfe ich aus der Arbeit, den ausgezeichneten Teamarbeiten im Spital, den verschiedenen Taskforcen und Gesprächen mit Familie und Freuden. Um einigermassen fit zu bleiben, mache ich einmal pro Woche frühmorgens Sport, höre klassische Musik, aber zum Nicht-Fachliteratur-Lesen komme ich nicht mehr. Vom Naturell brauche ich wenig Schlaf und bin eher ungeduldig. Was ich sehr vermisse, ist der Kontakt mit der Familie – mittlerweile bin ich zweifacher Grossvater – und Freunden. Auch das Kulturleben vermisse ich sehr, so die Konzerte meiner Tochter und ihres Ehemanns, sie spielt Geige, er Cello. In den strengsten Zeiten habe ich die Familie praktisch nicht gesehen. Die Arbeit in der Nationalen Covid-19-Taskforce und im Spital ist immer wieder fordernd. Es gab nicht wenige Male, wo meine Frau mir das Essen am Abend an den Computer brachte. Sie sagte, ich müsse mal spazieren, «mich lüften», gehen. So waren wir letzthin im Jura auf einer Tour. Manchmal reden wir bewusst bei einem Abendessen nicht über Corona. Im Sommer nahmen wir zwei Wochen Ferien. An einem Tag gab es fünf Zoom-Sitzungen. Das war ausgerechnet, als wir einen Ausflug mit den Schwiegereltern meiner Tochter unternahmen. Ich sass im Auto und zoomte eigentlich den ganzen Tag. Es war doch ein schöner, sicher erinnerungswürdiger Tag und meine Frau ist zum Glück verständnisvoll. Aber ich weiss, dass ich, da ich arbeiten kann, privilegiert bin. Es gibt so viele Menschen, in Bereichen wie dem Tourismus, der Gastro- und Kulturbranche, und weiteren Branchen, die unglaublich schwer belastet sind. Als Arzt und in der Verantwortung ist mir immer bewusst, dass Demut dazugehört. Diese begleitet mich bei Einschätzungen in dieser Krise, auch wenn ich entscheidungsfreudig bin. Es ist evident, dass es keine einfachen Lösungen gibt, aber die Impfung stimmt mich zuversichtlich aus dieser schwierigen Situation einen Weg in das normalere gesellschaftliche, wirtschaftliche Leben zu finden.»

Marcel Tanner, Public-Health-Experte und Präsident der Akademien Schweiz.

Marcel Tanner, Public-Health-Experte und Präsident der Akademien Schweiz.

Archiv Juri Junkov / bz Zeitung für die Region

«Würde gerne wieder einmal nach Afrika»

Aufgezeichnet

Marcel Tanner: «Als Wissenschafter hat man dem Staat zu dienen. Ich war schon pensioniert als die Taskforce-Arbeit losging. Die Arbeit in Kerngruppen nahm sicher 60 Prozent meiner ganzen Zeit in Anspruch. In einer Krise fordert man nicht, sondern arbeitet zusammen. Das haben wir zu praktizieren probiert. Ich habe nun 42 Jahre Forschung und praktisch Public Health betrieben in Afrika und Asien und musste dadurch viel mit der Bevölkerung sowie auch mit Verantwortungsträgern bis hin zu Ministern und Präsidenten reden, damit Erkenntnisse zu Gunsten der Menschen umgesetzt werden konnten. Dabei ist es unwichtig, wer wie viel beiträgt, man muss am Schluss gemeinsam Probleme lösen. Diesen Geist habe ich auch in der Taskforce gespürt, und wir versuchten, diesen Geist in den Diskussionen und Bewertungen weiterzutragen, was leider verschiedene Kritiker der Taskforce nicht erfasst haben. Am meisten unter die Haut gingen mir die Anlässe mit den Coronaskeptikern, die können sehr aggressiv sein und mögen gar nicht zuhören. Ich kam immer sehr bedrückt nach Hause, das kann meine Familie bestätigen. Doch man muss immer im Sinne von «Die Hoffnung stirbt zuletzt» das Gespräch suchen. Deshalb möchte ich diese Leute auch zusammenführen. In Erinnerung ist mir eine Veranstaltung auf dem Schlossplatz in Aarau mit etwa 500 Leuten. Manche waren unzufrieden, ein Teil hatte Angst und andere kritisieren den Staat, die Demokratie, andere kamen aus der Esoterik. Die Menschen bezeichneten mich als Pharmalobbyist. Solche Anlässe machen mir wirklich zu schaffen. Da denke ich, was soll ich jetzt. Am liebsten würde ich jedem einzeln den Ernst der Lage erklären, bei manchen wirkt das dann sogar. Gerne würde ich bald wieder nach Afrika zurück, das ein Teil unserer Heimat der Familie ist. Das Wichtigste ist, Partnerschaften wieder pflegen zu können, vieles gerät in den Rückstand und Menschen werden nicht versorgt, erkranken oder sterben gar. Diese Kollateralschäden werden oft unterschätzt.»

Sarah Tschudin Sutter, Operative Leitung Abteilung für Spitalhygiene Unispital, Forschungsgruppenleitern.

Sarah Tschudin Sutter, Operative Leitung Abteilung für Spitalhygiene Unispital, Forschungsgruppenleitern.

zvg

Aufgezeichnet

«Wir wissen nicht, was noch kommt»

Sarah Tschudin Sutter: «Als die Anfrage für meinen Beitritt in die Taskforce kam, ging plötzlich alles sehr schnell – zwei Tage später hatten wir schon die erste Sitzung. Solche fanden zu Beginn mindestens drei wöchentlich und immer virtuell statt. Ich arbeitete weiterhin voll im Spital weiter. Die Belastung ist schon hoch. Da mein Mann ebenfalls Arzt ist – er ist auf der Intensivstation tätig – war das Verständnis im privaten Umfeld zum Glück immer da. Schwierig fand ich, die Eltern nicht sehen zu können. Schon aufgrund ihres Alters gehören sie der Risikogruppe an. Ferien hatte ich in diesem Jahr mal zwischendurch. Sonst wäre das alles nicht gegangen. Es gab immer wieder Momente, wo ich dachte, jetzt wird mir dann alles zu viel. Irgendwie ging es immer weiter. Auch wenn ich momentan nicht wirklich Zeit oder das Rezept für einen Ausgleich habe ehrlich gesagt. Aber man macht diese Arbeit aus Überzeugung. Wie lange ich neben meiner Tätigkeit im Spital in der Taskforce bleibe, habe ich für mich nicht festgelegt. Ich hoffe, dass sich diese Frage irgendwann von allein klärt, wenn die Epidemie vorbeigeht. Momentan macht uns die mutierte Version des Virus Sorgen. Die Spitalmitarbeiter sind teilweise wieder etwas angespannter, weil wir wie vor einem Jahr nicht genau wissen, was auf uns zukommt, ob erneut mit einem grossen Ansturm an Patienten zu rechnen ist. Die Bilder aus dem italienischen Bergamo vom Frühling gehen einem nicht aus dem Kopf. Unter den Mitarbeitenden des Spitals ist eine grosse Erschöpfung oder Ernüchterung zu spüren. Während man in der ersten Welle noch den grossen Zusammenhalt spürte, sind jetzt viele erschöpft und empfinden die Situation teils als ausweglos. Was mir ebenfalls Sorgen bereitet, sind die Coronaskeptiker. Wer einmal in einem Spital war und Leute sterben sah, kann das nicht nachvollziehen. Das Bedürfnis nach Skiferien, nach Normalität kann ich hingegen gut verstehen, auch wenn es da ebenfalls gilt, an die Vernunft der Leute zu appellieren, noch etwas Geduld damit zu haben.»