Rheinschifffahrt
«Was zählt, ist die Erfahrung, nicht das Patent»

«Man wird nicht reich und lebt etwas anders als die anderen», fasst René Stäheli seine fünf Jahre als Rheinschiffer zusammen. «Wer daran nicht den Plausch hat, macht's nicht lange.» Doch das ist für den 27-Jährigen keine Frage.

Daniel Haller
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René Stäheli

René Stäheli

Daniel Haller

«Ich könnte mir nichts anderes vorstellen.» Schiffer sei kein Beruf, sondern eine Lebensweise. Am Lohn will er nicht mäkeln. «Meine Freundin fährt auf einem Schwester-Verband, der ‹Eiger-Nordwand›. Wir verdienen beide. So geht's gut.» Schliesslich habe man in dem halben Jahr, in dem man an Bord ist, keine Möglichkeit, Geld auszugeben. Doch wenn sie nun eine Familie gründen möchten, und er diese allein unterhalten müsste, würde es eng. Aber so weit ist es nicht: Ist René vier Wochen an Land, macht er entweder mit der Freundin Ferien oder wohnt bei den Eltern in der Nähe von Winterthur. Seine früheren Hobbys hat er stark reduziert. Und der Kreis seiner Kollegen hat sich etwas gelichtet. «Aber ich möchte mir keinen Job vorstellen, in dem ich jeden Tag zur Arbeit müsste. Ich geniesse einfach den Luxus, jeweils vier Wochen am Stück freizuhaben.»

Nach dem Gymnasium war er zuerst zwei Jahre beim Militär. «Dann benötigte ich eine andere Ausrede, um nicht studieren zu müssen. So machte ich hier eine Reise mit.» Welche schulischen Voraussetzungen man als Rheinschiffer mitbringen muss, weiss er nicht. «Entscheidend ist vielmehr, dass es bei dieser Schnupperlehre für beide Seiten stimmt. Du musst ins Team passen, denn bei nur Fünfen an Bord ist jeder auf jeden angewiesen.» Dann aber lerne man sich beim Zusammenleben und -arbeiten an Bord persönlicher kennen als in jedem anderen Job. Bedenklich findet Stäheli hingegen, dass immer mehr Reedereien auf Billigkräfte aus dem Osten setzen, und so auch die seriösen Reedereien unter Druck kommen.

«Eigentlich habe ich vor einem Jahr das Rheinpatent gemacht, darf mich Steuermann nennen. Aber das heisst gar nichts.» So führe er das Schiff nur, wenn ein Schiffsführer danebensitzt. Und eine Passage wie hier durchs Binger Loch und die Lorelei liege nicht drin. «Mein Götti ist Linienpilot. Wenn der auf einer Maschine das Patent hat, kann er sie fliegen. Auf dem Rhein aber ist jede Fahrt anders: Ladung, Hoch- und Niedrigwasser, Wind, Nebel, Nacht... Da zählt nicht das Patent, sondern die Erfahrung.» Doch gerade die Vielfalt reizt ihn. «Wenn du das Deck putzt, kannst du deinen Gedanken nachhängen. Dann wieder arbeitest du im Maschinenraum, streichst das Schiff, machst Ölwechsel und Staupläne oder lernst Fahren.» Und wenn's mal mühsam ist, habe man die Gewissheit, am nächsten Tag wieder etwas anderes zu machen. Dabei sei Verantwortungsgefühl entscheidend. «Da steht nicht dauernd einer hinter einem und sagt, was man machen muss. Mit dieser Freiheit musst du gut umgehen können.»

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