Im Schatten der Pandemie
Wenn Corona auf die Psyche schlägt: Viele Betroffene in den beiden Basel leiden

Die Coronapandemie kann eine drastische Auswirkung auf das Wohlbefinden haben. Die psychischen Belastungen nehmen zu, weshalb der Verband der Psychologinnen und Psychologen beider Basel Alarm schlägt.

Nora Bader
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Die Corona-Pandemie treibt viele Menschen in die Verzweiflung. Das Bedürfnis nach Hilfe wächst.

Die Corona-Pandemie treibt viele Menschen in die Verzweiflung. Das Bedürfnis nach Hilfe wächst.

Symbolbild: iStock

Anfang 2020 brach für Sabrina Meier* die Welt zusammen. Ihr Mann Stefan verlor den Kampf gegen eine schwere Krankheit. Die Kinder Delya (7) und Max (13) standen unter Schock. Dann kam Corona. Sabrina versuchte sich und ihre Kinder mit zwei Jobs über Wasser zu halten. Die ADHS-Erkrankung von Delya wurde ausgeprägter. Die Verhaltensauffälligkeiten von Max in der Schule nahmen zu. Zuhause verschanzte sich der Teenager im Zimmer und hing nur noch an der Spielkonsole. Die Situation eskalierte. Trauerarbeit, Jobs, Homeschooling und Existenzängste führten zur Überforderung. Delya schlief nicht mehr und machte ins Bett, Max rutschte immer mehr in die Verwahrlosung ab. Sabrina war verzweifelt.

Das ist ein reales Beispiel für die Schicksale, mit denen die über 400 Mitarbeitenden des Verbandes der Psychologinnen und Psychologen beider Basel (PBB) täglich konfrontiert werden. Anfragen wegen Angststörungen oder Einsamkeit würden seit Beginn der Coronapandemie stark zunehmen. «Wir sind besorgt. Die Situation ist prekär», sagt Diana Vorpe, Co-Präsidentin des Verbandes. Vorpe ist selber als Psychologin und Psychotherapeutin tätig und arbeitet unter anderem in der Familien-, Paar- und Erziehungsberatung Basel-Stadt.

Der Tenor in der Branche sei durchgehend derselbe: «Es gibt im Moment kein offenes Ohr für diese Problematik», kritisiert Vorpe. Überrascht habe die Bandbreite an Themen, die mit Corona gekommen sei. «Zugenommen hat der immense Stress, den die neue Situation ausgelöst hat.» Probleme, die vorher schon da gewesen seien, spitzten sich zu. «Die Pandemie ist wie ein Vergrösserungsglas.» Hinzu komme, dass die Menschen, die psychologische Hilfe am stärksten benötigen würden, sich diese ohne Zusatzversicherung oftmals nicht leisten könnten.

Mehr Anfragen für Aufnahmen in Psychiatrie Baselland

«Bei immer mehr Menschen allen Alters reicht die psychologische Hilfe aber nicht aus. Fälle mit komplexen Symptomen müssen an die Kinder- und Erwachsenenpsychiatrien überwiesen werden», so Vorpe weiter. Angebote für Kinder seien vielerorts ausgelastet.

In Baselland schlägt man auch in Bezug auf die Angebote für Erwachsene Alarm. «Anfragen für ambulante und stationäre Aufnahmen nehmen in den letzten Wochen massiv zu, vielmehr als in der ersten Pandemie-Welle», stellt Matthias Jäger fest, Direktor Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrie Baselland (PBL). Konkrete Zahlen gebe es noch nicht. Man konzentriere sich jetzt auf die Bewältigung der Situation. «Viele Patientinnen und Patienten, die vorher schon psychische Probleme hatten, geraten vermehrt unter Druck. Sie leiden stark und möchten zum Teil abgeschlossene Behandlungen wieder aufnehmen», so Jäger.

Viele Patientinnen und Patienten, die vorher schon psychische Probleme hatten, geraten vermehrt unter Druck. Sie leiden stark und möchten zum Teil abgeschlossene Behandlungen wieder aufnehmen

(Quelle: Matthias Jäger, Direktor Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrie Baselland)

Dazu kämen viele Menschen, die vorher keine Hilfe benötigt hätten und im Leben gestanden seien. Die Triage, die bei der Aufnahme von Patienten sonst schon gemacht werden musste, werde jetzt besonders sorgfältig vorgenommen. Jäger: «Gerade weil wir wissen, dass niedergelassene Therapeuten ebenfalls sehr ausgelastet sind und viel mehr Anfragen bekommen.»

Ebenso nehme die Belastung für das Personal zu. «Wir führen vermehrt Supervisionen durch, schulen die Mitarbeitenden», so Jäger. Themen sind Videocalls, das Lesen der Emotionen unter der Maske. «Je länger die Situation dauern wird, desto mehr geht es an die Substanz unserer Einrichtungen und auch der Mitarbeitenden. Unsere Kapazitäten sind nicht grenzenlos erweiterbar.» Im Bereich der Abklärungsgespräche sei in der Psychiatrie Baselland bereits Personal aufgestockt worden. «Fortlaufend versuchen wir, Unterstützung zu bieten und wenn nötig Ressourcen zu schaffen. Weitere Aufstockungen sind nicht ausgeschlossen», sagt Jäger.

Unsere Kapazitäten sind nicht grenzenlos erweiterbar.

(Quelle: Matthias Jäger, Direktor Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrie Baselland)

Anders sieht es diesbezüglich momentan im Stadtkanton aus: Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel verzeichnen im Erwachsenenbereich keine grössere Zunahme an Anfragen als sonst, wie Undine Lang, Direktorin der Klinik für Erwachsene und der Privatklinik, auf Anfrage sagt. Das könne sich aber laufend ändern.

Sabrina Meier und ihre Kinder haben seit August eine eng begleitende psychologische Betreuung. Heute geht es ihnen den Umständen entsprechend etwas besser. Sie können den Alltag bewältigen.

*Alle Namen geändert. Hilfe finden Betroffene unter www.dureschnufe.ch

Pflanzliche Hilfsmittel und Tageslicht-Lampen sind gefragt

Die sich zuspitzende Situation wegen psychischer Belastungen nehmen die Apotheken in der Region deutlich wahr, heisst es beim Baselstädtischen Apotheker-Verband auf Anfrage. «Die Menschen werden dünnhäutiger, angespannter und manchmal auch aggressiver», sagt Lydia Isler-Christ von der Sevogel Apotheke. «Viele unserer Kunden haben Schlaf- oder Angststörungen und innere Unruhen.» Die Nachfrage, selbst nach pflanzlichen Hilfsmitteln für die Psyche, sei in jüngster Zeit stark gestiegen. Ebenso das Bedürfnis nach Tageslicht-Lampen, welche sich positiv auf das psychische Wohlbefinden auswirken sollen. Zum Anstieg der Anfragen trage sicher die momentane Jahreszeit bei. Unter den Hilfesuchenden habe es aber auch vermehrt Kunden, die sonst nie psychische Probleme gehabt hätten. «Langsam haben die Menschen genug von der momentanen Situation. Man merkt, dass die Pandemie auf die Psyche schlägt.» Es sei aber nicht nur die Angst. Mit den steigenden Zahlen werde die Verunsicherung grösser. «Viele Kunden haben etwa einen Partner oder Bekannte, die positiv getestet wurden.» Weiter komme vor, dass man die Kunden dann anweisen müsse, sich doch professionelle Hilfe zu suchen, wenn zum Beispiel die Schlafstörungen nicht verschwinden würden, so Isler-Christ weiter. «Wir sind häufig die erste Anlaufstelle und sehen vieles noch vor dem Arzt», nennt sie den Vorteil der Apotheken. Allgemein gelte es, einen kühlen Kopf zu bewahren, selbst wenn gewisse Kunden unfreundlich würden, oder sich etwa nicht an die Maskenpflicht halten wollten.