Das Erste, was mir auffällt, ist der offene Himmel über dem Weihnachtsgeschehen mit den Engeln, die am Singen sind. Weihnacht ist für mich immer auch das Fest, an dem wir uns an der Durchlässigkeit von Himmel und Erde und den zwei Welten bewegen, ähnlich wie bei Geburt und Tod. Das bringt dieses Bild zum Ausdruck. Dann fällt mir auf, wie die Krippe von all den Menschen umringt ist, den Menschen, welche die Geschichte von Gott erzählen. Ohne Menschen macht Glauben keinen Sinn. Vorne stehen zwei grosse Hirten, einer wendet uns den Rücken zu, den anderen sehen wir von vorne. Der eine zeigt zum Himmel, der andere zum kleinen, neu geborenen Menschen. Das ist für mich der Auftrag der Kirche zu Weihnachten: Zum einen auf den Himmel zu verweisen, auf das, was über uns hinausgeht, und zum anderen die Bedürftigkeit der Menschen zu zeigen. Das kleine, nackte Kind ist ein Sinnbild für den bedürftigen Menschen. Das ist in unserer Zeit nicht sehr en vogue, aber wenn man zu dieser Bedürftigkeit stehen kann, dann gestaltet man sein Leben auch anders, als wenn man das Gefühl hat, man habe alles im Griff.

Aegidius Sadeler II (Antwerpen um 1570–1629 Prag): «Die Anbetung der Hirten». Öl auf Eichenholz, 73×58 Zentimeter,Kunstmuseum Basel, Vermächtnis Noetzlin-Werthemann 1928.

Aegidius Sadeler II (Antwerpen um 1570–1629 Prag): «Die Anbetung der Hirten». Öl auf Eichenholz, 73×58 Zentimeter,Kunstmuseum Basel, Vermächtnis Noetzlin-Werthemann 1928.

Dann fallen mir links drei Hirten mit wallenden Mänteln auf, die staunend und hingebungsvoll das Kind betrachten. Dieses Staunen hat auch mit der Ahnung von uns Menschen zu tun, dass unser Leben mit mehr zu tun hat, als mit dem Irdischen. Dazu kommen die Hirten, die nicht nur auf den Himmel oder auf das Weihnachtsgeschehen verweisen, sondern auch aufeinander. Hinten links stehen zwei Menschen im Schatten, abseits des Lichts. Weihnachten ist auch das Aufmerksam-Sein für die Menschen im Abseits. Die Tiere im Hintergrund des Bildes erinnern an die Schöpfung, die uns Gott erfahrbar machen lässt. Auch sie sind Teile des grossen Geschehens, der Berührung von Himmel und Erde.

Vorne links sind ein Hirtenbub und eine Frau zu sehen. Ich finde es schön, dass auf dem Bild diese Hirtin mit Lampe zu sehen ist. Die Kirchengeschichte ist ja sehr männlich geprägt und lässt Frauen zuweilen nur als Teilnehmende im Gottesdienst zu. Die Hirtin ist vielleicht ein Hinweis auf den Galaterbrief: «Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.» Die Gleichwertigkeit der Geschlechter kommt für mich in dieser Ecke des Bildes zum Ausdruck. An Weihnachten fällt der Gegensatz besonders auf: Da ist auf der einen Seite die herausragende Rolle von Maria, die überhöhte Gottesmutter, auf der anderen Seite die Nichterwähnung der Frau in der Kirchengeschichte. Theologinnen entdecken die Frau in der Bibel immer mehr, aber in der Tradition der Amtskirche hatten Frauen lange keinen Platz. So gesehen ist es erstaunlich, dass da eine Frau im Vordergrund steht und dann trägt sie auch noch ein Licht. Die anderen Hirten tragen Wasser, das Symbol für den spirituellen Durst, und den Hirtenstab, das Symbol für Schutz und Gott als Hirte. Die Männer tragen Wasser, die Frau das Licht – das ist eine Umkehrung der Geschichte: Im Normalfall sind eher die Frauen geerdet und die Männer stehen für das Geistige.

Die Hirtinnen und Hirten sind für mich immer auch ein Sinnbild für uns Menschen auf dem Weg durch die Adventszeit. Vielleicht könnte man den Gesang der Engel und das «Fürchtet euch nicht» der Engel zu den Hirten auf dem Feld als Aufruf verstehen, unserer inneren Stimme zu vertrauen und uns auf die Suche zu machen nach all dem, was wir auch noch sind. Anders als die Könige, die einem Stern folgen, stehen die Hirten eher für die Menschen, die sich fragen, warum sie nach Gott suchen sollen. Die Könige haben sich auf ihre Bücher und ihr Wissen verlassen. Der Intellekt, die Kenntnisse, das Rationale, das zum Schluss, zum Entscheid führt, dass da noch mehr ist, das ist der eine Zugang zum Glauben. Für diesen Weg stehen die drei Könige. Die Hirten stehen für den anderen Weg: Sie haben eine Vision. Sie finden also aufgrund ihrer Erfahrung zur Krippe. In der Kirche hat es immer beide Wege gegeben: Unsere reformierte Kirche ist eher geprägt durch den intellektuellen Zugang zum Glauben. Die pietistische Seite basiert eher auf dem erfahrungsbezogenen Weg. Die Kirche vergibt sich eine Chance, wenn sie die beiden Zugänge zum Glauben gegeneinander ausspielt. Es braucht beides, die Könige und die Hirten. Und natürlich auch die Königinnen und die Hirtinnen.

Einige der Hirten auf dem Bild schauen entsetzt oder verschreckt. Das muss auch Platz haben. Gott hat auch eine befremdende, erschreckende Seite. Es gibt nicht nur das Vertrauen, sondern auch das Zweifeln. Das kann genauso Gottes Nähe beinhalten. Die Gottesboten haben selten etwas Liebliches. Maria ist bei der Verkündigung erschrocken. Ein Erzengel löst auch Furcht aus. Die Engel sagen als Erstes zu den Hirten: «Fürchtet euch nicht». Also lösen sie Furcht und Erschrecken aus. Deshalb darf auch unsere Angst vor der Dimension des Unfassbaren, vor dem Himmel dazugehören.

Trotzdem: Das Geheimnis von Weihnacht besteht für mich darin, dass ich bei vielen Menschen ein Stück dieser Sehnsucht wahrnehme, dass sich Himmel und Erde auch in ihrem persönlichen Leben berühren mögen, auch wenn sich das nicht handfest manifestieren lässt. Menschen, die diese Sehnsucht nähren, haben auch die Kraft und den Weitblick, für andere Menschen da zu sein. Sie sind sich bewusst, dass sie eine Ressource haben. Heute wenden sich viele Menschen von der Kirche ab. Das machen sie aber nicht, weil sie areligiös oder ungläubig sind. Sie wenden sich zumindest zum Teil auch darum von der Kirche ab, weil sie das Gefühl haben, dass sie nicht wie diese Hirten einfach kommen dürfen. Die Menschen möchten auf ihrem Weg ernst genommen werden. Sie möchten, wie sie sind, zur Krippe kommen können und ihre Sehnsucht gestillt erhalten.

Und: Dieses nackte, blosse Kind im Zentrum ist für mich ein Bild für die Verletzlichkeit des Lebens, für unsere Angewiesenheit und Bedürftigkeit. Das Kind möchte zugedeckt und gewärmt werden, es möchte gehalten sein. Das steht für uns Menschen. Wenn man den Blick auf ein kleines Kind richtet, dann ist es immer ein Stück weit ein Blick auf die eigene Gebrechlichkeit und Angewiesenheit. Wenn man sich diesem Kind stellt, das da so bloss liegt, dann stellt man sich auch der eigenen Versehrtheit und Nacktheit. Wir sind ja Meister im Schutzpanzer anziehen, damit wir uns dem nicht stellen müssen. Und in dieser Auseinandersetzung kommt immer die Frage hinterher: Wo sind die Nackten und Blossen und Bedürftigen heute in unserer Gesellschaft und wie gehen wir mit ihnen um? Als Erwachsener sagt Jesus später: Wenn ihr Hungrige nährt, habt ihr mich genährt, wenn ihr Frierenden Obdach gewährt habt, habt ihr mich aufgenommen, wenn ihr Kranke besucht, dann habt ihr mich besucht. In unserer Gemeindekommission ist einmal mehr die Diskussion entfacht, wie wir als Kirche Herberge sein können. Was machen wir mit Menschen, die vor der Türe stehen und fragen, ob sie eine Nacht übernachten können? Wir sind dafür nicht ausgerüstet. Früher, in den alten Pfarrhäusern, stand immer ein Zimmer, ein Bett für Bedürftige. Die Gesellschaft hat sich so verändert, dass wir das so nicht mehr leben können. Wir bräuchten ein der Situation angepasstes Konzept, das alle möglichen Eventualitäten berücksichtigt. Was bräuchte es, damit wir das wieder leben können? Was heisst das, Herberge geben? Die Bandbreite reicht von betreutem Notbett im Kirchgemeindehaus über Gastbetten in der Gemeinde bis hin zum Kirchenasyl. Das Verkündigen von Gott im Leben ist nicht nur etwas Spirituelles, es muss auch ganz konkret und handfest sein.

Glaubwürdig Kirche sein geht heute nur, wenn Spiritualität und dieses handfeste Leben miteinander einhergehen. Unsere Kirche dürfte noch stärker seelsorgerlich und diakonisch sein. Im Leben der Kirche müsste diese Durchlässigkeit von Himmel und Erde erfahrbar sein.

Denn: Die Botschaft des Evangeliums ist stark. Wenn wir das Magnificat, das Lied der Maria von der Umkehr der Verhältnisse, wenn wir die Bergpredigt, wenn wir die Verheissung eines neuen Himmels und einer neuen Erde ernst nehmen, dann hat das Christentum immer auch Sprengkraft. Denken wir an die Sklavenaufstände im Süden der USA, an die Wirkung der Befreiungstheologie in Lateinamerika, an die bekennende Kirche im Dritten Reich und nicht zuletzt an die Reformation: Es ist Teil der Auseinandersetzung mit der biblischen Botschaft, dass ein Luther an den Punkt kommt und sagt: Hier stehe ich und kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen. Auch das steckt in diesem Bild.

*Monika Widmer Hodel ist reformierte Pfarrerin an der Titus-Kirche auf dem Bruderholz in Basel.