Wer in Basel Crystal Meth nimmt

Vor dem Strafgericht wird bald der grösste Meth-Fall der Basler Geschichte verhandelt. Er erlaubt einen Blick in eine geschlossene Szene.

Leo Eiholzer
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Kristalle mit gefährlicher Wirkung: Meth wird in Basel vor allem in kleinen, abgeschlossenen Gruppen konsumiert.

Kristalle mit gefährlicher Wirkung: Meth wird in Basel vor allem in kleinen, abgeschlossenen Gruppen konsumiert.

Bild: Keystone

Am 20.November 2018 durchsuchte die Polizei zwei Wohnungen im Gundeli-Quartier. Die Beamten beschlagnahmten 1,1 Kilogramm lupenreines Crystal Meth, versteckte 120000 Franken (kontaminiert mit Methamphetamin), zwei Rolex-Uhren und vier Autos, darunter einen Porsche Cayenne und einen BMW 650i. Die Polizisten nahmen einen Pärchen fest: Yusuf*, ein türkisch-schweizerischer Doppelbürger, und Kanita*, eine Thailänderin. Damit war den Behörden ein Schlag gegen einen massiven mutmasslichen Drogenring gelungen.

Denn laut Anklageschrift sassen Yusuf und Kanita nicht nur auf diesem einen Kilo, sondern verkauften vorher innert zweieinhalb Jahren bereits 6,9 Kilogramm Crystal Meth. Damit wären sie Grosshändler. Das Meth ging zum Teil nach Basel, doch auch ins Wallis, in den Jura, die Waadt, nach Zürich oder Bern. Yusuf sass acht Monate in Untersuchungshaft, Katina befindet sich bereits im vorzeitigen Strafvollzug. Für beide gilt die Unschuldsvermutung. Der Anwalt von Katina weist daraufhin, dass sie insbesondere die gehandelte Menge bestreite.

Genug Drogen für den gesamten Kanton Waadt

Für die Basler Staatsanwaltschaft ist es der grösste Meth-Fall der Geschichte; es dürfte sich auch um einen der grössten Fälle von Crystal-Meth-Verkauf handeln, der je vor Schweizer Gerichten verhandelt wurde. Bereits der Besitz von 12 Gramm des Stoffs gilt laut Bundesgericht als schweres Drogendelikt. Mit der Menge hätte das Paar den ganzen Kanton Waadt für ein Jahr mit Meth versorgen können, wie Frank Zobel, Vizedirektor von Sucht Schweiz, vorrechnet. Hierzulande würden sieben bis elf Kilo Meth konsumiert.

Die Droge, die ganze Landstriche der USA verwüstet hat und von der Experten noch vor wenigen Jahren sagten, sie sei sogar für den Schweizer Junkie zu billig, ist definitiv in Basel angekommen. Die von Yusuf und Kanita mutmasslich gehandelte Menge beweist es.

Eveline Bohnenblust, Leiterin der Abteilung Sucht Basel-Stadt, sagt auf Anfrage, Crystal Meth sei nur in Einzelfällen ein Problem. Andere Drogen seien deutlich verbreiteter und verursachten deshalb auch mehr Schäden.

Dennoch scheint der Konsum in Basel zuzunehmen. Das legen vor wenigen Tagen veröffentlichte Abwasseranalysen nahe. 2014 wurden in Basel 16 Milligramm pro Tausend Einwohner gemessen. 2019 erreichte man 36 Milligramm. Basel steht damit hinter Zürich auf Platz zwei der Schweizer Städte, mit doppelt so viel Meth-Rückständen pro Einwohner wie Bern. Zwar springen die Zahlen oft, das kann laut Zobel die Zunahme dreier Dinge bedeuten: «Entweder der Stoff wurde reiner, die bisherigen Konsumenten nehmen mehr, oder es gibt immer mehr Konsumenten.»

Dass Meth keine Volksdroge ist, stimme noch immer, sagt Suchtforscher Zobel. «Die Wirkung von Crystal Meth ist sehr, sehr stark – für viele zu stark», sagt er. «Und sie ist extrem gefährlich, weil sie schnell süchtig macht.» Der Stoff peitscht den Konsumenten in unheimliche Höhen, die viel länger andauern als bei Kokain oder Heroin. Bis zu 24 Stunden, in denen weder geschlafen noch gegessen wird. Umso heftiger ist dann auch der tiefe Fall. «Man kann danach oft nicht in die Schule, nicht zur Arbeit», sagt Zobel. «Junkies wollen so eine Droge nicht.»

Crystal Meth werde vor allem in kleinen, abgeschlossenen Subgruppen konsumiert. «Zum einen von Leuten, die im Nachtleben anfangs der 2000er Jahren mit Thai-Pillen begonnen haben und ihren Stoff heute mit dem Auto direkt an der deutsch-tschechischen Grenze abholen», sagt Zobel. «Die zweite Welt des Crystal Meth ist ein asiatisches Umfeld, oft thailändisch, wo die Drogen im Umfeld von Bordellen oder illegalen Spielhöllen verkauft werden.» Das seien enge Zirkel, in die man kaum hereinkomme.

Der Fall von Yusuf und Kanita gibt einen seltenen Einblick in diese ansonsten geschlossene Szene. Und er zeigt, wie sie in Basel funktioniert. Der in Basel geborene Yusuf hatte, schon bevor er ins Drogengeschäft einstieg, einschlägige Erfahrung mit dem Betreiben von illegalen Glücksspielen, die hauptsächlich von Thailändern frequentiert wurde. Kanita konsumierte bereits Crystal Meth. Und so beschlossen die beiden laut Staatsanwaltschaft Anfang 2016, ins Drogen-Geschäft einzusteigen. Der Handel scheint vor allem über persönliche Beziehungen zu laufen: Die Zwischenhändler waren in der Regel langjährige Freunde und Freundinnen von Kanita. Für ihre besten Kunden mieteten sie eigens Wohnungen an. Zwei der Wohnungen, wo Glücksspielautomaten aufgestellt und Meth gehandelt worden sein sollen, liegen im Kleinbasel, eine andere an der Grenze zu Allschwil.

Die Drogen lieferte er per Taxidienst Uber aus

Insgesamt listet die Staatsanwaltschaft 15 verschiedene Abnehmer für die Drogen auf. Yusuf fuhr in die Westschweiz und nach Bern und übergab die Drogen – Kanita meistens nach Zürich. Als Yusuf der Führerausweis entzogen wurde, liess er sich und die Drogen per Uber zu den Kunden chauffieren, so die Staatsanwaltschaft. Als Kanita Ende Juni 2016 in der Waadt im Besitz von Meth verhaftet wurde und danach mehr als ein Jahr im Gefängnis sass, übernahm Yusuf ihre Lieferungen. Direkt nach der Entlassung stieg Kanita wieder ins Crystal-Meth-Geschäft ein – weder die Verurteilung noch die ausgestandene Haft oder der bedingte Teil ihrer Strafe habe sie in «irgendeiner Weise beeindruckt», so die Staatsanwaltschaft.

Um das Geld zu waschen, betrieb Yusuf ein Sonnenstudio in einem Dorf im Kanton Baselland. Der Meth-Handel hat das Paar reich gemacht: Mindestens 345000 Franken Gewinn strichen Yusuf und Katina laut der Anklageschrift ein. Damit hätten sich die beiden ihre Luxusbedürfnisse finanziert, darunter die beschlagnahmten Edelkarossen, Luxus-Handtaschen, Schmuck, Uhren, Schönheitsoperationen und teure Ferien.

Hinweis

*Namen geändert.