Wild-Leitbild

Wie viele Hirsche, Säue und Luchse dürfen geschossen werden?

Vermehrt sich der Luchs in der Region könnte der Rehbestand gefährdet werden

Vermehrt sich der Luchs in der Region könnte der Rehbestand gefährdet werden

Das von Stadt und Land geplante Leitbild «Wild beider Basel» sorgt für Diskussionsstoff. Förster, Bauern, Jäger und Naturschützer sind uneins, wie viele Wildtiere geschossen werden sollen. Insbesondere der Umgang mit dem Luchsbestand ist umstritten.

Baselland und Basel-Stadt wollen bis Ende Jahr ein gemeinsames Leitbild «Wild beider Basel» erarbeiten. Dabei geht das federführende Amt für Wald beider Basel unkonventionell ans Werk. Projektleiter Holger Stockhaus sagt dazu: «Wir kamen vor ein paar Tagen mit einem weissen Blatt an die Auftaktveranstaltung. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise tritt der Kanton mit Lösungsvorschlägen auf, und kam bei den 75 Interessierten aus allen relevanten Kreisen rund ums Wild sehr gut an.»

Ziel des «mehrere 10'000 Franken» teuren Leitbild-Prozesses sei, im Papier, das für die beiden Kantone verbindlich sein wird, «ein gemeinsames Grundverständnis im Umgang mit einheimischen Wildtieren» zu verankern. Den Knackpunkt dabei bilden Luchs, Hirsch und Wildschwein. Denn das sind die eigentlichen Konflikttiere, wie eine kleine Umfrage der bz bei Waldwirtschaft, Landwirtschaft, Jagd und Naturschutz zeigt.

Hirsch schält und fegt

Daniel Wenk leitet die Bürgergemeinde Liestal und damit einen der grössten Waldbesitzer im Baselbiet. Er sagt: «Das Spannungsfeld sehen wir beim Hirsch. Er kann durch Schälen und Fegen massive Schäden an den Bäumen verursachen.» Zwar wird der Hirsch im Kanton nur vereinzelt gesichtet, doch dürfte er bald präsenter werden. Denn 2018 ist eine Wildtierbrücke über die A 1 im Solothurner Mittelland geplant, was das dortige Gebiet jenseits der Autobahn vom Hirschdruck befreien und dem Baselbiet regelmässig Zuwanderer bescheren wird. Wenk verlangt nun, dass die Bejagung des bei uns noch geschützten Hirsches «sehr schnell» zum Thema wird. Wenk: «Wir müssen das zu Friedenszeiten diskutieren und nicht erst, wenn der Hirsch da ist.»

Für die Bauern ist nicht der Hirsch, sondern das Wildschwein das Problemtier. Dominic Sprunger, Betreiber des Wildenstein-Hofs in Bubendorf und Vorstandsmitglied beim Bauernverband beider Basel, sagt: «Die Wildschweine müssen so bejagt werden, dass die Schäden massvoll bleiben. Der jetzige Bestand muss reduziert werden.» Wie hoch dieser ist, weiss niemand. Die Frischlinge wurden aber im letzen Herbst auf 1431 Exemplare geschätzt. Das sind relativ viele, doch wurden im laufenden Jagdjahr, das bis Ende Monat dauert, mit 1194 Säuen auch überdurchschnittlich viele erlegt. Wildschweine lieben Mais, und diesen einzuzäunen, sei teuer, sagt Sprunger. Aber Vorschriften zu Maisanpflanzungen seien «übertrieben», das müsse jeder Bauer selbst entscheiden.

Pascal Cueni, Präsident von Jagd Baselland, hält dem bäuerlichen Ruf nach Wildschwein-Dezimierung entgegen: «Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu fest der Stimme der Landwirtschaft beugen. Das Wildschwein gehört in unsern Raum.» Das zweite Konfliktfeld ist für Cueni das Grossraubwild und hier vor allem der Luchs; Wolf und Goldschakal würden zwar eines Tages höchstwahrscheinlich auch in der Region auftauchen, seien aber im Moment kein Thema.

Luchs frisst Rehe

Zum Luchs meint Cueni: «Er ist hier so präsent wie noch nie. Wenn das mit der gleichen Intensität weitergeht, ist der Rehbestand in zehn Jahren im Keller.» Der Luchs gehöre zur Artenvielfalt, aber das gelte auch für seine Beutetiere. Zur aktuellen Zahl der Luchse im Kanton will sich niemand äussern, weil ein Monitoring läuft. Resultate werden im Sommer erwartet. Cueni sieht noch ein anderes Spannungsfeld beim Leitbildprozess: «Eine gemeinsame Strategie für beide Kantone ist gut. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht etwas über beide stülpen, das nicht zu beiden passt.» Denn Baselland habe 85, Basel-Stadt 2 Jagdreviere.

Eine ganz andere Sicht hat Hansruedi Dietrich. Er ist Wildtierbiologe und vertritt im Leitbildprozess voraussichtlich die Naturschutzorganisationen. Der Luchs sei kein Problem, denn er reguliere sich selber. Will heissen, wenn er sein erstrangiges Futtertier, das Reh, stark dezimiert, sinkt auch sein Bestand. Die Wildsau habe gerne Mais, deshalb heisse eine Lösung gegen zu viele Säue, weniger Mais anzupflanzen. Eine intensive Jagd führe dagegen zu einer höheren Fortpflanzungsrate.

Das grösste Problem rund ums Wild ortet Dietrich ganz woanders: «Das ist die Freizeitnutzung, sowohl von der Masse der Leute wie von der zeitlichen Beanspruchung von Wald und Feld in unserer 24-Stunden-Spassgesellschaft her.» Es ist also reichlich Pfeffer im Leitbildprozess vorhanden.

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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