Japanischer Rockmusiker

«Wir denken an die Gemeinschaft»: Sind Japaner die besseren Masken-Träger?

Toru Nakamura übt sich seit Jahrzehnten in der traditionellen japanischen Teezeremonie.

Toru Nakamura übt sich seit Jahrzehnten in der traditionellen japanischen Teezeremonie.

Der japanische Rockmusiker und Webdesigner Toru Nakamura hat enge Verbindungen nach Basel. Ein Gespräch über Verantwortung, Rücksicht und Gruppendruck im asiatischen Kulturraum.

Hygiene­masken gehören in ­vielen asiatischen Ländern zum Alltag. Vielleicht liegt es am vertrauten Griff zu diesem Präventionsmittel, dass in Japan die ­Corona-Infektionen und -Todesfälle aktuell deutlich unter den unseren liegen, obwohl die Bevölkerung auf der Insel 15-mal grösser ist als jene der Schweiz. In Japan hat das Tragen von ­Masken eine lange Tradition, in die uns Toru Nakamura Einblick gewähren kann.

Der 50-jährige Webdesigner und Rockmusiker (bei der Band Hot Buttered Pool) hat Verbindungen zur hiesigen Musik­szene, begleitete Basler Bands auf ­Japan-Tourneen und war schon Gast in der Rheinstadt. Er lebt mit seiner Frau 50 Kilometer südwestlich von Tokio in Kamakura in der Präfektur Kanagawa.

Erinnern Sie sich, wann Sie das erste Mal eine Maske getragen haben?

Toru Nakamura: So weit ich weiss, waren die Hygienemasken bei uns schon verbreitet, als 1908 die Spanische Grippe ausbrach. Ich persönlich trage Masken, seit ich denken kann. Also seit den 1970er-Jahren, als ich ein Kind war. Immer dann, wenn ich eine Erkältung hatte.

Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: Sie tragen die Masken nicht, um sich selber zu schützen?

Genau. In erster Linie ziehen wir sie an, um eine Ansteckung der anderen zu verhindern. Das war schon immer so und das hat während der SARS-Epidemie 2003 noch einmal zugenommen.

Es geht Ihnen gar nicht um den Selbstschutz?

Doch auch. Im Winter wollen sich viele vor Krankheitserregern schützen, im Frühling greifen die Allergiker zu Masken. Viele Japaner leiden an Heuschnupfen. 

Der Selbstschutz variiert also saisonal?

Ich würde sogar sagen: Termin-bezogen. Unsere Prüfungen zum Schuleintritt finden beispielsweise im Januar und Februar statt, also dann, wenn die Grippe am stärksten wütet. In dieser Zeit ziehen ganze Familien Masken an, damit es zu keinen Ansteckungen kommt und sich die Schüler und Studenten gesund auf ihre Tests konzentrieren können.

Hat die Corona-Pandemie das Verhalten in Bezug auf die Masken verändert?

Ja. Weil man bei Covid-19 krank und ansteckend sein kann ohne Symptome zu zeigen, haben mehr Menschen angefangen, grundsätzlich Masken zu tragen, um andere zu schützen.

Wann greifen Sie persönlich nun zu Masken?

Ich trage jetzt eine Maske, wenn ich von Angesicht zu Angesicht mit jemanden spreche, im ÖV und an Orten mit vielen Leuten.

Gibt es in Japan denn entsprechende Vorschriften?

Es gibt bei uns kein Gesetz, welches das Tragen von Masken regelt, aber vielleicht so etwas wie einen Gruppendruck. Ich habe seit dem Auftauchen von Corona auch schon Konflikte erlebt, weil jemand ohne Maske gehustet hat oder in einem Zug oder Bus seine Maske kurz zum Trinken abgezogen hat. Es scheint mir, als seien die Leute insgesamt etwas nervöser als sonst.

Japan hat verhältnismässig tiefe Infektions-Zahlen. Gab es bei Ihnen einen Lockdown?

Wir hatten einen nationalen Notstand von Anfang April bis Ende Mai. Aber auch das war kein Befehl sondern eher eine Empfehlung oder eine Bitte unserer Regierung, nach Möglichkeit von Zuhause aus zu arbeiten. Aber die Menschen meiden weiterhin Veranstaltungen und Versammlungen.

Spüren Sie eine Angst vor Corona?

Bis ungefähr August war eine Unruhe spürbar, die Infektionszahlen bereiteten manchen Sorgen. Aber mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, die Zahlen gehören zu jedem Tag wie der Wetterbericht, obschon sie nicht wirklich abgenommen haben. Aber weil wir im Vergleich zu Europa oder den USA sehr gut dastehen, hat wohl niemand wirklich Angst vor Corona. Ich beispielsweise kenne keine Fälle persönlich: weder in meiner Familie, bei meinen Bekannten oder Verwandten, bei meinen Freunden oder Arbeitskollegen.

In Europa gibt es Demos, weil sich manche Menschen durch die Masken in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen. Können Sie das nachvollziehen?

Für mich würde es keinen Sinn machen, wenn ich auf der leeren Strasse oder an einer wenig bevölkerten Zugstation eine Maske tragen müsste. Da, wo man mit niemandem spricht und Abstand halten kann, braucht es in meinen Augen keine Maske. Neuerdings schleicht sich bei uns aber so eine Art Etiquette ein, dass man überall im Freien Masken tragen sollte. Da fühle ich mich in meiner Freiheit auch etwas eingeschränkt.

Gibt es in Japan Leute, die sich gegen die Massnahmen auflehnen?

Es gibt wie überall Menschen, die sich weigern, eine Maske zu tragen. Aber das ist hier eine kleine Minderheit. Genauso gibt es auch bei uns ganz wenige Leute, die Corona leugnen oder als ungefährlich betrachten.

Sie waren schon ferienhalber in der Schweiz, Ihre Frau hat längere Zeit in der Nähe von Basel gearbeitet. Können Sie Schweizer und Japaner vergleichen im Bezug auf das Verantwortungsbewusstsein?

Das traue ich mir nicht zu. Aber in Japan ist es schon so, dass jede Person eine grosse Verantwortung für die Gemeinschaft empfindet. Es gibt das Gefühl, dass jeder einzelne in einer Gruppe, Gesellschaft oder Vereinigung verantwortlich ist für deren Erfolg oder Misserfolg. Deshalb ist es allen auch wichtig, dass nicht er oder sie Schuld hat an etwas. Und dies erwartet jeder auch von den anderen.

Was heisst das konkret im Bezug auf Corona?

Niemand möchte derjenige sein, der andere angesteckt oder gefährdet hat. Ich sehe aber einen anderen grundlegenden Unterschied zwischen der Schweiz und Japan.

Und der wäre?

Der persönliche Raum, den man sich gewährt, ist in Japan zwangsläufig kleiner. In unseren Metropolen ist es viel schwieriger das Social Distancing umzusetzen. Die grosse Mehrheit unserer Bevölkerung lebt oder arbeitet in Ballungszentren, und die allermeisten nutzen den Öffentlichen Verkehr. Zu gewissen Zeiten sind die Züge so voll, dass man sich nicht mehr bewegen kann. Wie soll man sich da aus dem Weg gehen?

Und dennoch hat die Schweiz massiv höhere Infektionszahlen.

Das ist wirklich verwunderlich, zumal bei Ihnen ja auch die Arbeitsplätze viel grossräumiger sind und ganz viele ihr eigenes Auto nutzen. Ich nehme an, dass wir Japaner uns gerade wegen dieser Enge gewöhnt sind, mehr aufzupassen.

Lassen Sie uns zum Schluss noch über das Gegenteil von Verantwortungsbewusstsein reden. Sie spielen in einer Rockband. Ist das eine Form von Rebellion?

Ich habe diese zwei Seiten in mir: Einerseits liebe ich die alten Traditionen wie die Tee-Zeremonie oder gewisse Kampfsportarten, andererseits bin ich Webdesigner und mag die modernsten Technologie-Gadgets. Ich höre mir sehr gerne Punk und andere aufmüpfige Rockmusik an, aber meine Texte sind nicht rebellisch, sondern handeln meist von Leben und Tod. Entsprechend sehe ich mich nicht als Rebellen.

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Haben Sie Verständnis, wenn jemand aus Rebellion auf Masken verzichtet?

Nein, es geht da nicht um Rebellion oder Ungehorsam, sondern das ist doch nur fahrlässig. Niemand hat das Recht, das Leben anderer zu gefährden.

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