Konzert

Wirren um ein extremes Konzert

Basler Linksextreme glaubten, ein Nazi-Konzert zu erkennen – und verprügelten Fans.

«Links zwo drei vier
Links zwo drei vier
Tanz! Tanz! Tanz!»

Der Supreme Commander ist ein Diktator und er befiehlt seinem Publikum, was es zu tun hat. Er trägt wahlweise Vierfrucht oder Galauniform mit Schulterklappe, manchmal Armbinde und hohe, schwarze Stiefel. Bürgerlich heisst der Mann Thomas Rainer. Doch tritt er auf die Bühne, dann schlüpft er in die Rolle des Supreme Commanders. Keine Frage: Die Band Nachtmahr ist eine extreme Inszenierung.
Auch das Publikum spielt mit und wirft sich in Kostüme, die heftig mit NS-Ästhetik kokettieren – aber eben auch mit Sowjetuniformen und sonstigen Formen von Militaria. Das wurde einer Gruppe Fans zum Verhängnis, die am vergangenen Samstag ein Konzert der Band im Basler «Parterre One» besuchen wollten.

Konzert Ausschnitt Nachtmahr (Amphi Festival)

Wie einschlägigen Portalen zu entnehmen ist, traf etwa ein Dutzend Linksextremisten – mutmasslich nach der Demo gegen Hanau – auf eine Gruppe von vier oder fünf Konzertbesuchern. Die Uniformen als rechtsextrem interpretierend, stürmten sie auf die Gruppe zu und verprügelten sie, wobei es nach Angaben der Band zu kleinen Verletzungen kam. Jemand verständigte die Polizei. Diese konnte allerdings nichts mehr feststellen, wie Sprecher Toprak Yerguz auf Anfrage dieser Zeitung bestätigt.

Uniformen turnen ihn an.

Inzwischen scheint sich auch das «Parterre» nicht mehr sicher, was da genau los war. So zumindest ist eine gestern verschickte Medienmitteilung zu deuten. Bereits während des Soundchecks am Nachmittag habe man gemerkt, «dass die Songtexte sehr düster und gewaltverherrlichend wirken und das Dekor diesen Eindruck eindeutig unterstützt». Nach dem Vorfall habe man die Lage nochmals analysiert und beim Einlass sämtliche Gäste kontrolliert, jedoch keine Auffälligkeiten festgestellt. Das «Parterre» distanziere sich von politischen Extremen.

Kriegsästhetik ist Teil des Musikgenres

Hat das Parterre eine rechtsextreme Band auftreten lassen? Nein, sagt Chris Fuchs, Veranstalter des Konzerts und sporadischer Drummer der österreichischen Band. Er kann nachvollziehen, welchen Eindruck die Konzertbesucher bei den Linksextremisten hinterlassen haben. «Eine wesentliche Komponente des Industrials war und ist die Provokation entlang der äussersten Ränder des Erträglichen und damit einhergehend das Experiment mit audiovisuellen Grenzerfahrungen.» Um zu irritieren und schockierende Eindrücke aus der gelebten Welt zu kommentieren, würden extreme Darstellungen von Gewalt, Sexualität, Krankheit, Krieg und Tod mit bedrohlichen und aggressiven Klangcollagen unterlegt. Rainer selbst bringt diese Faszination vielmehr mit einem Fetisch in Verbindung. «Politischer Extremismus ist etwas, was wir – von woher er auch immer kommt – zutiefst verachten, und gerade unser Standpunkt gegen rechts findet sich auch in diversen unserer Songs», nimmt er gegenüber der bz Stellung.

Tatsächlich gehört es zu diesem Musikgenre, mit Gewaltfantasien zu spielen und dabei auch Autokratie-Symbolik einzusetzen. Politische Aussagen finden sich jedoch kaum. Nachtmahr ist bislang nirgendwo als Rechts-Band aufgefallen.

Wahrscheinlicher ist, dass Linksextreme wohl im antifaschistischen Übereifer zu faschistischen Methoden gegriffen haben und unliebsame Kunst gewaltsam zu unterdrücken versuchten.

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