Landzunge und Stadtmund
Wo die Weisheit spriesst

Eva Oberli leistet nach bestandener Matur Landdienst auf dem elterlichen Hof in Niederdorf.

Eva Oberli
Merken
Drucken
Teilen
«Was eine jede Pflanze durchmacht, das ist ganz nüchtern betrachtet doch Wahnsinn. Man muss sich nur mal eine Tomatenstaude angucken und daneben das Samenkorn aus dem das Ding gewachsen.»

«Was eine jede Pflanze durchmacht, das ist ganz nüchtern betrachtet doch Wahnsinn. Man muss sich nur mal eine Tomatenstaude angucken und daneben das Samenkorn aus dem das Ding gewachsen.»

Rebekka Balzarini

Seit zwei Wochen steht auf meinem Fensterbrett ein Topf. Ich ziehe darin Sprossen, die ich ursprünglich einfach nur aus Geschmacksgründen über meine Salate und Schnittchen hatte streuen wollen. Mal abgesehen von den Mineralien, Spurenelementen und Antioxidantien, die der Sprossenverzehr praktischerweise im Beigepäck hat, fühle ich mich mittlerweile, als hätte ich mit den Sprossen auch die Weisheit mit Löffeln gegessen.

Was eine jede Pflanze durchmacht, das ist ganz nüchtern betrachtet doch Wahnsinn. Man muss sich nur mal eine Tomatenstaude angucken und daneben das Samenkorn aus dem das Ding gewachsen. In diesem winzigen Körnchen steckt alles drin. Der Bauplan für Wurzeln, Stängel, Blätter, Blüten, Knospen und Früchte. Die Organisation und Logistik für Wassertransport, Nährstoffaufnahme, Energiehaushalt und Fotosynthese. Und vor allem eine fast schon freche Zuversicht.

Da steckt so ein kleines Körnchen im Boden und wächst einfach mal drauflos. Einfach der Sonne entgegen. Wenn auf dem Weg ein Kiesel rumliegt, wächst das Keimblättchen einfach drum herum. Es denkt sich nicht, «Oh Mann, jetzt werden mir hier Steine in den Weg gelegt, obwohl ich gar nix gemacht hab! Das ist ja mal megaunfair. Tja, dann schmoll ich jetzt und bleib hier unter der Erde hocken und dann sieht die Welt eben nicht, was für eine tolle Tomatenpflanze ich hätte werden können, wenn mir dieser Kiesel nicht alles versaut hätte. Pah!»

Nein, das Keimblättchen killt einfach. Und macht sich dabei nicht einmal Sorgen. Es überlegt sich nicht, was es tun soll, wenn kein Regen kommt. Oder nicht genug Regen. Oder zu viel Regen im falschen Moment. Was es tun soll, wenn Sonnenlicht fehlt. Oder der Kaliumgehalt im Boden unzureichend für ein Nachtschattengewächs ist. Das Pflänzchen wächst vor sich hin, einen Tag nach dem anderen wird es grösser und stärker, bis an den Punkt wo es seine gesamte Grösse und Stärke hat entfalten können. Und dann checkt die Tomatenpflanze auch, wann es für sie Zeit ist, zu gehen. Nämlich genau dann, wenn sie ihren Job erledigt hat. Sie hat sich verwurzelt, Blätter gebildet, um Fotosynthese zu betreiben, hat geblüht, wurde bestäubt, hat Früchte getragen, von denen Andere essen konnten, zum Schluss versamt sie noch, legt den Grundstein für die nächste Generation und dann geht sie einfach ein.

Sie steht nicht noch weitere paar Jahre im Garten rum, so nach dem Motto: «Ich bin jetzt zwar welk und verdorrt und tue nichts mehr, was in irgendeiner Form dazu beiträgt, dass die Welt sich weiterdreht, ABER damals, da war ich toll! Gross und stark war ich, habe Dinge erschaffen und sah auch einfach geil aus – Gut, das ist zwar schon lange nicht mehr so, weil im Hier und Jetzt bin ich nur noch nutzlos und eitel, aber trotzdem bleibe ich, stehe den neuen Keimlingen im Licht, denn es soll keiner noch besser werden können, als ich es war.» Das tut sie nicht. Die Tomatenpflanze ist nicht nur weise, sondern auch nobel. Und eine verdammt gute Lehrerin.