Wohnheim Wydehöfli
Arlesheim schafft mit Ausstellung Raum fürs Anderssein

Eine Ausstellung von 17 Kunstwerken soll Menschen mit Beeinträchtigungen sichtbarer machen.

Tanja Opiasa-Bangerter
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Anne Gunti und Petra Saladin präsentieren ihr gemeinsames Werk «Beziehung auf Augenhöhe».

Anne Gunti und Petra Saladin präsentieren ihr gemeinsames Werk «Beziehung auf Augenhöhe».

Kenneth Nars

Marianne blinzelt an der Tramstation Stollenrain in die Sonne. Ihr Oberteil leuchtet rot, in ihrer Lieblingsfarbe. Hinter der Bewohnerin des Arlesheimer Wohnheims Wydehöfli steht ihr selbst erschaffenes Abbild in Lebensgrösse. Gemeinsam mit der Mal- und Kunsttherapeutin Monika Dexter hat sich Marianne monatelang mit Fragen zur eigenen Identität und deren Wirkung auf ihre Mitmenschen beschäftigt.

«Achtung Tram», ruft jemand. Ein Tramgast blickt von seinem Handy auf. «Wissen wir, wer im Tram neben uns sitzt?», fragt Dexter bei der Erstbegehung der Freiluftausstellung in die Runde.

Freiluftausstellung mitten in Arlesheim

Seit vergangenem Samstag sensibilisieren die «aufs Tram Wartenden» im Rahmen von «Inklusiv Arlesheim», als eines von 17 Kunstwerken für die Wahrnehmung von Menschen mit Beeinträchtigung in unserer Gesellschaft.

«Inklusion basiert auf der Sichtbarkeit eines Jeden»,

weiss Projektleiter Tobias Seewer. Statt Menschen mit Behinderung dezentral unterzubringen, spiele deren Einbindung in die Gesellschaft eine immer grössere Rolle. Seewer sei, unglaublich stolz auf den Elan von Bewohnenden und Mitarbeitenden. Seit einem Jahr sei er mit der Planung beschäftigt, sagt Seewer und betont: «Es verlangte uns enorm viel ab.» Die Bewohnenden dafür aus ihren festen Alltagsstrukturen zu nehmen, sei kein Leichtes. Im letztjährigen Lockdown habe er nach einer Alternative gesucht, um das 30-jährige Jubiläum der familiären Institution zu zelebrieren.

Das Werk «Compositions» von Jack Young: Die Ausstellung «Inklusiv Arlesheim» läuft bis zum 23. Oktober.

Das Werk «Compositions» von Jack Young: Die Ausstellung «Inklusiv Arlesheim» läuft bis zum 23. Oktober.

Kenneth Nars

«Jeder in seinem Tempo»

Mittels der künstlerischen Reflexion, an der sich auch Studenten der Fachhochschule Nordwestschweiz beteiligten, sind die Lebenswelten von Menschen mit einer Behinderung bis am 23. Oktober im ganzen Dorf präsent. Rundum inklusiv gestaltet, sei jedes Werk mit einem QR-Code versehen, betont er. «Menschen, die nicht lesen können, können den Text so nachhören.» Bereits jetzt können die Werke online ersteigert werden, erklärt Seewer, dessen Mutter ihre Vision von gelebter Inklusion vor dreissig Jahren in ihre Grossfamilie brachte.

Wir folgen der Gruppe durchs Dorf. «Jeder in seinem Tempo», entschleunigen die Betreuenden, die ihre Anvertrauten familiär am Arm begleiten. Kurzer Halt vor den «Sphären» – farbigen, mehrstöckigen Tongebilden.

«Das ist meiner»,

freut sich Petra, deren Abbild uns in einer Gipsbüste begegnen wird. Über ihrem Kopf wachsen Blumenblätter zueinander und bilden ein buntes, verträumtes Gesamtkunstwerk. Ganz still habe sie beim Gipsen halten müssen, erinnert sich die Wydehöfli-Bewohnerin. «Dein Mut imponierte mir», räumt ihre Bezugsperson Anne Gunti, langjährige Betreuerin im Wydehöfli, ein.

«Zur Seite gesetzt» von Moa Sjöstedt.

«Zur Seite gesetzt» von Moa Sjöstedt.

Kenneth Nars

Blumen als gemeinsames Thema

Ohne sich abzusprechen, fand das Paar im Entstehungsprozess ihres Werkes einen gemeinsamen Nenner. «Wir beide lieben Blumen», erklärt Gunti. Mit dem Auftrag, ihr die Welt aus ihren Augen zu zeigen, sei Petra im April mit einer Kamera durch Arlesheim spaziert. Zurück kam sie mit dutzenden Fotografien, die ihrem Werk «Beziehung auf Augenhöhe» als Inspiration dienten. Dieses versinnbildliche das enge, auf Vertrauen basierende Verhältnis in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung.

«Wir sind auch ein Mikrofon für unsere Klienten»,

sagt Gunti, die betont, wie schnell jeder von einem Tag auf den anderen hilfsbedürftig werden könne.

«Wenn man den Platz in der Leistungsgesellschaft verliert, muss man sich neu orientieren», sagt auch Thomas Marti vor dem «Weltenbaum». Der Quittenbaum sei von Bibern angegriffen worden. «Jetzt trägt er zwar keine Früchte mehr aber hat trotz seinen Blessuren in der Kunst einen neuen Sinn gefunden», betont er.

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