Nationalrat

Xanax-Missbrauch an Schulen: Jetzt muss der Bundesrat handeln

Schon Jugendliche beschaffen sich immer häufiger psychoaktive Medikamente wie Xanax. (Symbolbild)

Schon Jugendliche beschaffen sich immer häufiger psychoaktive Medikamente wie Xanax. (Symbolbild)

Aufgeschreckt vom Xanax-Fall an der Sek Gelterkinden, fordert die Baselbieter Grünen-Nationalrätin Florence Brenzikofer nun vom Bundesrat griffigere Massnahmen gegen den Medikamenten-Missbrauch bei Jugendlichen. Sie ist überzeugt, dass Gelterkinden kein Einzelfall ist.

Die Nachricht schockierte: Mitte Januar lungerte ein zwölfjähriger Sekschüler am Bahnhof Gelterkinden herum. Er konnte kaum noch gehen, war völlig zugedröhnt. Bei sich hatte er eine Dose Xanax, die er einem Kollegen geklaut hatte. Das rezeptpflichtige Beruhigungsmittel beinhaltet psychoaktive Substanzen, die zur Klasse der Benzodiazepine gehören. Xanax macht schnell abhängig und kann Schwindel, Verwirrtheit, Taubheitsgefühle, Muskelschwäche und Sehstörungen auslösen. In Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen drohen gar Atemstillstand oder Koma.

An der Sekundarschule Gelterkinden waren die Pillen offenbar auf dem Pausenplatz im Umlauf. «Der Fall hat mich aufgeschreckt», sagt Florence Brenzikofer. Die Baselbieter Grünen-Nationalrätin ist Seklehrerin in Liestal und weiss: «Gelterkinden ist kein Einzelfall. Psychopharmaka-Missbrauch unter Jugendlichen nimmt an vielen Schulen zu.» Auch an Berufsschulen sei es ein «Riesenthema».

Präventionsarbeit künftig bereits an Primarschulen?

Während Ende Januar CVP-
Landrätin Beatrix von Sury ein Postulat einreichte, um die Baselbieter Regierung zum Handeln aufzufordern, war es auf nationaler Ebene bisher still. In ihrem vor einem Monat erschienenen «Suchtpanorama 2020» hält die Stiftung Sucht Schweiz fest: «Auf politischer Ebene sind aktuell trotz den teilweise hohen Raten an problematischem Benzodiazepin-Konsum praktisch keine Aktivitäten festzustellen.» Brenzikofer ändert dies nun und reicht einen Vorstoss im Nationalrat ein.

In der Interpellation fragt sie den Bundesrat, ob er die Zahl der Personen, die in der Schweiz einen problematischen Konsum von starken Schlaf- und Beruhigungsmitteln haben, als kritisch beurteilt. Laut dem Suchtpanorama gibt es rund 350000 Langzeitbezüger, die wahrscheinlich abhängig seien. Wie viele davon Jugendliche sind, ist nicht gesondert erfasst. Eine internationale Studie geht davon aus, dass gut vier Prozent der 15-Jährigen bereits Medikamente genommen haben, um psychoaktive Effekte zu erleben.

Brenzikofer will, dass der Bundesrat seine Suchtpräventionspolitik überprüft. «In der ‹Nationalen Strategie Sucht› kommen Benzodiazepine vor, aber es fehlen konkrete Lösungswege, um die Lage zu verbessern», so die Oltingerin. Ihr schweben systematische Monitorings vor – vor allem aber verbindliche Präventions- und Informationsarbeit, die bereits an den Primarschulen beginnt.

Schuld ist auch der Leistungsdruck

Schwieriger ist es, die Bezugskanäle zu schliessen, über die sich die Jugendlichen die Medikamente beschaffen. Schliesslich lösen teils gewöhnliche Hustensäfte die gesuchten Effekte aus. Und Mittel wie Xanax können anonym im Internet gekauft werden. Dennoch fragt Brenzikofer: «Braucht es strengere Abgaberichtlinien?»

Sie nimmt aber auch die Eltern in die Pflicht: «Wenn zu Hause Medikamente einfach offen herumliegen, dann ist der Missbrauch leicht.» Deshalb sollte Aufklärung auch an Elternabenden fix etabliert werden. Als Lehrerin treibt Brenzikofer aber noch etwas anderes um: «Dass die Jugendlichen immer früher zu Beruhigungsmitteln greifen, hat auch mit dem Leistungsdruck zu tun, den sie an den Schulen und sonst im Alltag empfinden. Das beschäftigt mich sehr.» Im Gegensatz zu Alkohol oder härteren Drogen sei Medikamenten-Sucht für Aussenstehende auch nicht so leicht erkennbar.

Brenzikofer erwartet bis im Sommer Antworten. Sie behält sich vor, dann mit konkreten Forderungen beim Bundesrat nachzudoppeln.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1