Zirkusfestival

Young Stage: Schöner Traum, harte Arbeit

In diesem Jahr findet es vom 15. bis 19. Mai statt.

Nadja Hauser leitet seit zwölf Jahren das Young Stage, das grösste Zirkusfestival der Schweiz.

In diesem Jahr findet es vom 15. bis 19. Mai statt.

Das Zirkusfestival Young Stage ist ein Sprungbrett für internationale Artisten. Was braucht es, um in dieser Branche Erfolg zu haben?

Es ist der grosse Traum jedes jungen Zirkusartisten: Mit der eigenen Company, mit eigenem Zelt über die Lande zu fahren, ein unabhängiges Leben zu führen, fern von Grossraumbüros.
Nadja Hauser sitzt in ihrem Büro in Basel. Auf dem Bildschirm ihres Computers eine Liste mit 498 Bewerberinnen und Bewerbern für das Zirkusfestival Young Stage. Seit zwölf Jahren lädt die Institution Artisten aus der ganzen Welt zum Wettbewerb nach Basel. Mittlerweile hat sich die Plattform zum Sprungbrett entwickelt. «Viele Artisten bekommen nach der Teilnahme über viele Jahre immer wieder Jobangebote von Bookern, die sie in Basel gesehen haben», sagt die Festival-
direktorin.

Die 43-Jährige war selbst einmal auf dem Weg ins Scheinwerferlicht. In den Neunzigerjahren fing sie sich im Quartierzirkus Bruderholz den Zirkusvirus ein. Damals war die Ausbildung zur Artistin noch keine Option. Sie lernte Sportphysiotherapeutin, blieb aber nicht lange zirkusabstinent, stieg ins Eventbusiness ein und machte sich vor elf Jahren selbstständig. Seit dann scannt sie die internationale Szene nach Nachwuchstalenten, ist europaweit an Festivals unterwegs.

Die Neuerfindung des Zirkus

In der Schweiz sterben die Zirkusse: Traditionsunternehmen wie Medrano, Olympia oder Nock sind verschwunden. Zirkusschulen jedoch boomen, zumindest im Ausland (siehe Kasten). Die Bewerbungen für die Teilnahme am Young Stage kommen von Akademien aus ganz Europa, Kanada, Südamerika, Israel oder Japan. In Ländern wie Frankreich oder Holland können Artisten Hochschulabschlüsse absolvieren.

Diese Entwicklung ist nicht neu. Begonnen hat sie anfangs der Achtzigerjahre in Frankreich. Der Staat investierte in Ausbildungsstätten und Auftrittsmöglichkeiten für den Nouveau Cirque. Neu daran war, dass nicht Sägemehl, Tiernummern, Pailletten und lange Frauenbeine die Ästhetik prägten, sondern die theatrale Erzählung. Der kanadische Cirque du Soleil ist das berühmteste von vielen Programmen des Nouveau Cirque. Unzählige Companys haben seither mit neuem Zirkus ihr Publikum gefunden.
Bei Young Stage bewerben sich die Nachwuchskünstlerinnen und -künstler mit einem Video. Seit September treffen Bewerbungen für die diesjährige Ausgabe im Mai ein (15. bis 19. 5). Vertreten sind traditionelle Zirkustechniken wie Trapez, Seiltanz, Jonglage, und Bodennummern, aber auch Tanz, Theater, Pantomime. Das Durchschnittsalter der Bewerber ist 23. Deren Nummer darf je höchstens sechs Minuten dauern. Ein sechsköpfiges Gremium trifft eine Vorauswahl. Vor rund zehn Tagen kürten die Experten aus 120 verbliebenen Bewerbern 13 Programme aus 13 Nationen für das diesjährige Programm.

Was zeichnet denn eine solche gute Nummer aus? Nadja Hauser hat einen geübten Blick. Oft sehe sie schon in den ersten 30 Sekunden, ob das was wird. «Für mich ist trotz aller neuen Aspekte eine gute Technik zentral», sagt sie. Aber nicht nur. Es geht genauso um den visuellen Auftritt, die Musik, die Dramaturgie und die Innovation.

Sie zeigt ein Video eines Artisten, der nur mit einem Ball eine Mischung zwischen Jonglage, Zauberei und Theater entwickelt hat; oder einen Künstler, der mit einem grossen Metallreifen, dem Cyr Wheel, nicht einfach nur technische Brillanz zeigt, sondern einen Menschen vorführt, der mit den Elementen kämpft. Oder einen neuen Trend, das Hair-Hanging, eigentlich eine alte Schaustellernummer, bei welcher sich die Artisten an den Haaren in die Luft ziehen lassen. Es gehe um die Weiterentwicklung dieser Traditionen, sagt Hauser. «Und oft auch um die Bühnenpräsenz, die Ausstrahlung, die ein Artist hat. Nur Technik reicht nicht. Das Gesamtpaket zählt.»

Zirzensische Unterhaltung erlebt einen Boom

Was aber ist mit dem Traum der Künstler, irgendwann mit der eigenen Company zu touren? Erstaunlicherweise gäbe es viele solche Projekte, sagt Hauser. Die meisten Artisten müssten aber zuerst längere feste Engagements annehmen, um Geld zu verdienen. «Ich find es eine gute Schule, wenn die jungen Künstler für ein, zwei Saisons in einem klassischen Zirkus oder Varieté arbeiten», sagt Hauser. Das eigene abendfüllende Programm komme dann oft erst später.

Am Young Stage könne das Publikum beides sehen, so Hauser: Auf den Plätzen Basels treten im freien Programm Companys mit eigenen Shows auf. Im Zelt zeigen die Bewerberinnen und Bewerber ihre Kurznummern, in der Hoffnung, die Jury zu begeistern. Im Publikum sitzen Zirkusagenten, Eventmanager, Varieté-Direktoren und Casting-Leute. Der Bedarf an zirzensischer Unterhaltung ist gross, trotz fehlender Zirkusse. Die Szene sei am Wachsen, sagt Hauser. Die Vertreter der oben genannten Branchen haben die klassischen Direktoren mit fahrendem Geschäft abgelöst.

Noch immer gebe es jedoch einen Graben zwischen traditionellem und neuem Zirkus. «Beide Lager sind zuweilen auch stur», sagt Hauser. «Auf der einen Seite die Traditionalisten, die unter anderem an Tiernummern hängen. Auf der anderen die Leute des Nouveau Cirque mit neuen Inhalten.» Letztendlich werde der Markt entscheiden, was überlebt, so Hauser. «Aber für diejenigen, die es verpassen, mit der Zeit zu gehen, wird es schwer.»

Der Traum vom fahrenden Artisten lebt weiter. Aber auch in Zukunft zählt: Es wartet viel harte Arbeit auf sie oder ihn.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1