Landwirtschaft
Erfolgreiche Neuorientierung eines Bauers: Die Zeglinger Zander-Zucht startet durch

Der findige Landwirt Reto Rickenbacher verkauft frische Fischfilets aus seiner Aquakultur auf dem Liestaler Wochenmarkt. Und nicht nur da. Und mit zunehmendem Erfolg.

Boris Burkhardt
Merken
Drucken
Teilen
Claudia und Stefan Kobler schätzen es sehr, dass Ihnen Reto Rickenbacher (links) frischen Fisch nach Liestal bringt.

Claudia und Stefan Kobler schätzen es sehr, dass Ihnen Reto Rickenbacher (links) frischen Fisch nach Liestal bringt.

Boris Burkhardt

Reto Rickenbacher ist um 5.30 Uhr aufgestanden. Für den Landwirt aus dem 500-Seelen-Dorf Zeglingen bedeutet das, gemütlich in den Tag zu starten: schnell nach den Kühen schauen, einen Kaffee trinken – und gegen 7 Uhr mit den Fischen nach Liestal zu fahren. 2017 startete Rickenbacher sein ambitioniertes Projekt und baute eine Aquakultur auf seinem Hof auf. Seither züchtet er Zander, die er direkt an Gastronomie und Privatkunden verkauft, unter anderem einmal im Monat auf dem Liestaler Gnussmärt wie am vergangenen Samstag.

Alles, was Rickenbacher auf dem Markt braucht, ist ein kleiner Anhänger mit Plane, der aufgeklappt zum Verkaufsstand mit Vordach, Eistheke und Kühlschrank wird. Begleitet wird Rickenbacher normalerweise von seiner Frau Marisa; heute hilft aber seine Mutter Heidi aus.

60 Fische hat die Familie tags zuvor geschlachtet, als 120 Filets zubereitet, eingeschweisst, gewogen und beschriftet – vier bis fünf Minuten braucht die Handarbeit pro Fisch, hat Rickenbacher einmal ausgerechnet. Die Tötung der Fische erfolge elektrisch, erzählt er der bz.

Lieber Fischzucht als Obstplantagen

Bereits vor der offiziellen Markteröffnung kommen die ersten Kunden. Fredi Ott (59) aus Liestal geniesst als Frühaufsteher, wenn es auf dem Markt noch ruhig ist. Er kauft regelmässig Zander aus Zeglingen und entscheidet sich heute für zwei Packungen Doppelfilets. «Wir sind gute Esser», sagt er schmunzelnd: Bei ihm kommen die Fische in Alu eingepackt in den Ofen oder in die Bratpfanne. Claudia (56) und Stefan (57) Kobler aus Therwil nehmen sich das aufwendigste Rezept vor: den Fisch in Sojasauce, Honig, Chili und Knoblauch marinieren und auf Kartoffeln im Ofen backen, dazu Joghurtsauce mit Radieschen. Die beiden fahren regelmässig mit Bus und Bahn auf den Gnussmärt – unter anderem auch wegen des frischen und regionalen Fisches.

Als sich für Reto Rickenbacher zwischen 2017 und 2018 die Übernahme des Familienbetriebs von den Eltern Hans und Heidi ankündigte, ging er auf die Suche nach einer neuen Nische. Den Obstbau wollte er nicht weiterführen, zumal die alte Anlage der Investition bedurft hätte. Stattdessen entschied er sich für die Aquakultur.

Fisch aus dem Oberbaselbiet – ein Produkt, auf das man erst einmal kommen muss. Er werde von seinen Berufskollegen gelegentlich als «Fischbauer» bezeichnet, so Rickenbacher: «Aber keiner meint das böse.» Schliesslich sei auch sein Vater belächelt worden, als er in den Neunzigern als erster Obstbauer im Oberbaselbiet seine Kirschen abgedeckt habe. Inzwischen ist bereits eine kleine «Sekundärindustrie» aus der Zeglinger Aquakultur entstanden: Die «Gewürzegge» in Therwil hat eine eigene Mischung «Zeglinger Zander» zusammengestellt; die Ormalinger Schneiderin Judith Wyss entwarf erste Produkte wie Geldbeutel und Schlüsselanhänger aus gegerbter Fischhaut. 250000 Franken hat Rickenbacher bisher in seine Fischzucht investiert. «Am Anfang haben wir den Aufwand sicher unterschätzt», gibt er zu.

Inzwischen ist der Betrieb aber angelaufen: In 60 Kubikmeter Wasser hält Rickenbacher 7000 Fische; gerade ist ein Quarantänebecken für Jungfische mit 15 Kubikmeter im Bau. Bereits im kommenden Jahr soll die Zucht im Vollbetrieb laufen und 2027 amortisiert sein. Viermal im Jahr kauft Rickenbacher die Jungfische mit einem Gewicht von 20 bis 50 Gramm aus der Fischzucht FTN Aqua Art in Rafz (ZH); ein knappes Jahr leben die Zander dann in Zeglingen, bevor sie schlachtreif sind. Ideal wäre ein Gewicht von 700 bis 800 Gramm, sagt Rickenbacher; wegen der hohen Nachfrage schlachte er sie derzeit schon mit 600 Gramm.

Stammkundschaft auch in Sissach

Pro Woche entnimmt er rund 100 Fische, die er nicht nur monatlich in Liestal, sondern vor allem wöchentlich in Sissach verkauft. Stammkunden kämen auch direkt auf den Hof. Laut Heidi Rickenbacher ist für die Kunden ausschlaggebend, dass der Fisch aus der Region komme. Dann seien sie bereit, teureren Fisch zu kaufen, ergänzt ihr Sohn.

Das bestätigt auch Sarah Arber (50) aus Hölstein, die für die ganze Familie einkauft: Dass es frischen Fisch auf dem Markt zu kaufen gibt, sei nicht selbstverständlich, findet sie.