Herr Nägelin, halten Sie den 32-jährigen Emmanuel Ullmann grundsätzlich für qualifiziert, ein Departement zu führen?

Lorenz Nägelin: Ich erlebe Emmanuel Ullmann im Grossen Rat als sehr engagiert. Er weiss auch sehr viel. Mit 32 ist er aber sehr jung, und politisch weiss man nicht, wo er steht. Er war mal bei der FDP und ist jetzt bei den Grünliberalen. Vielleicht mangelt es ihm noch an Lebenserfahrung für ein Regierungsamt. Aber die Arbeit, die er im Parlament macht, ist sicher gut.

Herr Ullmann, die umgekehrte Frage an Sie: Erachten Sie den Sanitäts-Kadermitarbeiter Lorenz Nägelin grundsätzlich als fähig, Regierungsrat oder sogar -präsident zu werden?

Emmanuel Ullmann: Als Fraktionspräsident ist er wegen seiner Rolle präsenter im Grossen Rat als ich. Gleichzeitig habe ich aber den Eindruck, dass er keine grossen Stricke zerrissen hat. Er greift standardmässig Rot-Grün an, das gehört einfach zu seiner Rolle als SVP-Fraktionspräsident. Sonst ist er eher zurückhaltend. Man hat den Eindruck, dass er seine Fraktion im Griff hat, dass der eigentliche König aber Parteipräsident Sebastian Frehner ist. Kadermitarbeiter bei der Sanität ist ein guter Beruf. Ob das eine gute Voraussetzung ist? Wieso nicht?

Herr Ullmann, Sie haben sich gewünscht, über den Ausbau der staatlichen Tagesbetreuung zu sprechen. Das erstaunt: Das hat weder mit «grün» noch mit «liberal» viel zu tun. Und das Stimmvolk hat das Thema 2011 mit dem Nein zur Tagesschul-Initiative erledigt.

Ullmann: Nein, das Stimmvolk hat nur kostenlose Tagesstrukturen wuchtig abgelehnt, wie von der SP gefordert. Das heisst aber nicht, dass das Stimmvolk gegen einen Ausbau der Tagesstrukturen ist. Das Erziehungsdepartement plant diesen ja bis 2020. Ich denke, dass Tagesstrukturen aufgrund der veränderten Gesellschaftsstrukturen – mehr alleinerziehende Väter und Mütter, mehr Doppelverdiener – rascher ausgebaut werden sollen. Ich fordere, dass der Ausbau bis 2015 statt 2020 vollzogen ist. Dieses Jahr ist beispielsweise vom Kanton her keiner geplant. Wichtig wären Einlaufzeiten, damit die Kinder auch vor acht Uhr abgegeben werden können. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade Leute wie Lorenz Nägelin, die im Schichtbetrieb arbeiten, darauf angewiesen sind.

Als SVP-Kandidat erwartet man von Ihnen, Herr Nägelin, allerdings eher, dass die Frauen sich vermehrt um ihre Kinder statt Karriere kümmern sollten.

Nägelin:Nein, aber ich bin der Ansicht, dass die beste Erziehung zu Hause stattfindet. Deshalb muss man Tagesstrukturen nicht stärker ausbauen als geplant. Fördern sollte man stattdessen Jobsharing und Teilzeitarbeit. Und man sollte Familien entlasten: Die SVP setzt sich deshalb konsequent für Steuersenkungen ein. Gleichzeitig finde ich, dass es weniger Doppelverdiener geben sollte. Die Tagesstrukturen werden schon heute stetig ausgebaut. Das Angebot ist ausreichend.

Ullmann:Man sieht, dass Sie keine drei kleinen Kinder haben. Zum Beispiel beim Neubadschulhaus, wo ich wohne, gibt es keine Tagesstrukturen. Man muss ins Gotthelfschulhaus ausweichen. Selbstverständlich stehen die Eltern für die Erziehung in der Verantwortung – aber nicht alleine. Diese Diskussion finde ich gerade von einem SVP-Mann seltsam: Bleiben gut ausgebildete Mütter wegen der Erziehung ihrer Kinder zu Hause, muss die Wirtschaft ausländische Fachkräfte anwerben. Das kann nicht in Ihrem Sinn sein.

Nägelin:Ich habe nie gesagt, dass die Mütter zu Hause bleiben sollen, sondern dass die beste Erziehung zu Hause stattfindet. Dazu stehe ich. Bei Ihnen spüre ich heraus, dass Sie die Tagesstrukturen vor Ihrer eigenen Haustüre wünschen, um die Kinder abzugeben. So machen es sich Eltern einfach. Der Staat muss nicht alles anbieten. Es sollte mehr Raum für private Angebote geben.

Ullmann:Selbstverständlich soll es private Angebote geben. Diese sind oft auch günstiger und attraktiver im Angebot, aber gerade deshalb muss der Staat nachziehen: Ansonsten gehen Kinder wohlhabender Eltern in private Institutionen, während die anderen Kinder mit staatlichen Angeboten vorlieb nehmen müssen. Diese Aufsplitterung der Gesellschaft, die in anderen Ländern schon üblich ist, will ich verhindern. Wir brauchen generell ein besseres Angebot, zum Beispiel durch Einlaufzeiten schon vor acht Uhr morgens. Die heutigen Einlaufzeiten ab acht Uhr sind für viele Leute einfach zu spät.

Nägelin:Das passt Ihnen halt einfach persönlich nicht, weil Sie in Zürich arbeiten. Es ist komisch, dass Sie sich liberal nennen, aber sprechen, als wären Sie bei den Sozialdemokraten. Im Wahlkampf versuchen Sie jetzt einfach den Spagat zwischen FDP, GLP und SP zu machen.

Ullmann:Nein, ich finde, dass es beides braucht: staatliche und privatwirtschaftliche Angebote. Und: Ich bin nicht alleine in dieser Situation.

Kommen wir zum zweiten Thema: Herr Nägelin, Sie haben gewünscht, über Sicherheit zu diskutieren. Hat das Stimmvolk davon nicht genug? Bei einer Strassenumfrage der bz landeten die Themen Wohnen und Gesundheit auf dem Sorgenbarometer zuoberst.

Nägelin:Das sind genau unsere Themen. Wir setzen uns für Grün-Erhaltungen ein und haben uns deshalb zum Beispiel gegen die Überbauung des Landhofs gewehrt. Aber die Sicherheit bleibt ein Thema. Man versucht es einfach immer herunterzuspielen. Dabei gibt es fast täglich Vergewaltigungen oder sexuelle Belästigungen. Die SVP ist dabei der einzige sichere Wert: Ohne unsere Sicherheitsinitiative hätte es die 45 zusätzlichen Polizisten nie gegeben. Unserer Meinung nach braucht es noch mehr. Unsere sicherheitspolitischen Vorstösse werden im Grossen Rat aber leider meistens nicht unterstützt.

Ullmann: Lorenz Nägelin setzt Sicherheit mit Repression gleich. Das ist sicher ein Teil: Ich bin einverstanden, dass es mehr Polizisten braucht.

Nägelin: Sie haben aber nicht für unsere Initiative gestimmt.

UIlmann: Wir haben uns für die 45 zusätzlichen Polizisten eingesetzt. Das heisst aber nicht, dass man später nicht weiter ausbauen soll. Ihr habt stattdessen auf einen Schlag 120 neue Polizisten verlangt. Das ist nicht von heute auf morgen möglich. Wichtig ist auch Prävention. Das fehlt mir bei der SVP. Dazu gehört auch gute Integrationsarbeit.

Nägelin: Das sind jetzt alles Lippenbekenntnisse. Ich habe bisher nie bemerkt, dass sich Emmanuel Ullmann in Sicherheitsfragen engagiert hat. Geht es auf die Wahlen zu, sprechen plötzlich alle über Sicherheit. Aber im Parlament entsprechende Vorstösse einreichen oder unterstützen – das macht er nicht. Prävention gibt es heute genug. Nur bei der Durchsetzung, also bei der Repression, hapert es noch.

Grundsätzlich kann man feststellen, dass Sie sich in Sicherheitsfragen erstaunlich nahe sind: Sie fordern beide mehr Repression, mehr Polizisten.

Nägelin: Absolut nicht. Ich habe bewiesen, dass ich die Sicherheitsanliegen schon immer unterstützt habe. Von Emmanuel Ullmann höre ich zum ersten Mal, dass er sich überhaupt dafür interessiert.

Ullmann:Dann haben Sie in der Vergangenheit wohl nicht richtig zugehört. Es braucht aber keine Vorstösse, die sowieso chancenlos sind. Und nochmals: Man kann nicht wie die SVP einseitig auf Repression setzen. Es braucht auch Prävention.

Nägelin: Ich habe das Gefühl, dass Emmanuel Ullmann in einer heilen Welt lebt. Ich hingegen bin am Wochenende Tag und Nacht beruflich unterwegs und arbeite dabei eng mit der Polizei zusammen. Ich sehe, was auf den Strassen abgeht. Darum weiss ich, was zu tun wäre.

In den nächsten Wochen werden Sie beide sich teilweise öfter sehen als ihre Familien. Es stehen noch unzählige Podiumsdiskussionen und Standaktionen an. Wird das mit der Zeit langweilig?

Nägelin: Nein, im Gegenteil. Man trifft viele interessante Leute und setzt sich mit Themen auseinander, mit denen man sonst weniger zu tun hat. Ich freue mich aber auch auf die Zeit danach.

Ullmann:Der Wahlkampf ist sehr abwechslungsreich. Ich schaue aber, dass ich trotzdem einen Abend pro Woche für meine Familie frei halten kann. Bisher ist mir das gelungen.

Als Favoriten gelten nicht Sie beide, sondern die FDP-Kandidaten Baschi Dürr und Christophe Haller. Welcher steht Ihnen näher?

Ullmann:Keiner. Beide sind nicht grün, und Christophe Haller ist zudem nicht einmal liberal, sondern rechtskonservativ.

Damit dürfte er Ihnen etwas näher stehen, Herr Nägelin.

Nägelin:Ich würde mich nicht als rechtskonservativ bezeichnen, sondern als sehr offen und sozial. Ich könnte mir beide FDP-Kandidaten in der Regierung vorstellen. Das heisst aber nicht, dass das Rennen bereits entschieden ist. In einem zweiten Wahlgang ist alles möglich.